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Da Capo in der Altstadt: Ameisen, „Anneliese“ und viele alte Bekannte

Die „Alten Damen“ – neugierig und allgegenwärtig ... und natürlich nicht zu übersehen! Foto: Westenberger

Kronberg (mw) – Es soll am vergangenen Wochenende Altstadtbesucher gegeben haben, die gar nichts davon wussten, dass sie der Burgstadt just zum Internationalen Straßentheaterfestival Da Capo einen Besuch abstatteten. Das Wetter perfekt für ein entspanntes Abendessen oder einen kühlen Drink, hatten sie in einem der einladenden Restaurants und Cafés in der Altstadt Platz genommen – und wurden überrascht: Eine überdimensioniert große Henne näherte sich den Tischen. Sie wird an einer Leine geführt und ist mindestens ebenso gut erzogen wie mancher Hund in Kronberg. Aber die Henne namens Anneliese möchte bei den Kindern am Tisch doch zu gern mal von den Nachos picken. Die Kinder sind verunsichert, da ihr „Frauchen“, Frau Huber das jedoch vehement verbietet: „Bitte meine Anneliese nicht füttern, sie verträgt es einfach nicht!“ Angeregt unterhält sie sich mit vorbeikommenden Passanten – am liebsten mit Hundebesitzern. Denn ihre Anneliese ist mindestens so talentiert wie ein Hund, auch wenn sie sich hin und wieder in der langen Leine verheddert. Während dem Theater Pikante mit „Frau Huber und ihrem pickenden Huhn“ noch ganz gut beizukommmen war, konnten einen die drei „Alten Damen“, die zum 50-jährigen Geburtstag des Kronberger Kulturkreises und den dazu eingeladenen „alten Bekannten“ des Da Capo gehörten, schon gehörig verunsichern. Die drei Meter hohen, schrulligen Damen, „Cie Les Déguindés“ aus Frankreich steckten ihre Nasen unbemerkt in alles, was sie rein gar nichts angeht. Gerade wähnte man sich in trauter Zweisamkeit, beugten sie sich mit ihren langen Hälsen von oben hinunter und drängelten sich dazwischen. Von den Kindern verfolgt und gepiesackt, entwickeln sie eine ungeahnte Schnelligkeit und sorgten in der Abenddämmerung für Schreckensaufschreie und eine auseinanderstobende Menschenmenge.

„Was für ein Glück, dass das Baby vorhin nicht aufgewacht ist, als diese Riesin sich über den Kinderwagen gebeugt hat“, meinte eine Passantin, die ihren Spaß mit den „Alten Damen“ hatte. Gekommen waren natürlich auch die treuen Freunde des Kronberger Da Capo aus nah und fern, die die Künstler aus aller Herren Länder wieder begrüßen wollten und sich bereits am Eingang der Altstadt über die „Alten Damen“ freuten, die es sich nicht nehmen ließen, dort kurzerhand den Straßenverkehr zu regeln.

Das Kulturprogramm war vielseitig und gut auf Kronbergs idyllische Plätze abgestimmt. „Was uns hier in dieser Stadt geboten wird, ist wirklich etwas ganz Besonderes“, bemerkte eine Besucherin. „So etwas haben die Nachbarstädte nicht zu bieten.“ Auf Einladung der Geschäftsführerin des Kulturkreises, Dorothée Arden, spielten die Kleinkünstler – unter ihnen auch Clown Jordi – inmitten der Besucher, die Interaktion mit ihnen war Sinn und Zweck und die entstehenden Momente dabei immer neu, spontan und oftmals irre komisch.

Das Theater Ruhe Piétonne aus Frankreich war ebenfalls schon einmal in Kronberg zu Gast, doch die wenigsten erkannten den Franzosen, der auf der Oberburg poetische Geschichten aus Origami hatte entstehen lassen. Dieses Wochenende war er als Städtebotschafter „Monsieur Pes“ aus Kronbergs Partnerstadt Le Lavandou gekommen. Gemeinsam mit dem spießig deutschen „Herrn Biedermann“ machte er sich auf, den neuen „Verschwisterung-Friedens-Weg“ einzuweihen. Gemeinsam mit den Gästen begaben sich die beiden Herren auf eine Kultur-Erkundungstour. Die Besucher, die mitten auf der Tour dazukamen und versuchten, der deutsch-französischen Stadtgeschichte zu lauschen, hatten es nicht leicht, den beiden Städtebotschaftern inhaltlich zu folgen. Denn sie wollten ihnen mit französischem Charme und deutscher Redlichkeit versichern, dass sich in der Altstadt die Straßen verformen und Häuser einstürzen, alles einzig und allein der Tatsache geschuldet, dass im Zuge der Französischen Revolution der verfolgte Graf Räuber von Camenbert Kronberg als Zufluchtsort auserwählte hatte. Mit ihm hätte das Schicksal in der Burgstadt seinen Lauf genommen, denn mit dem Camenbert sei auch die Steinlaus nach Kronberg gekommen, die seither die alten Steinhäuser zum Zusammenbröseln bringe...

Dem einen oder anderen Besucher, der etwas Stadthistorie lustig verpackt erwartet hatte, mag das zu viel Blödelei auf einmal gewesen sein, die anderen ließen sich auf die beiden Herren, die ihre Kultur-Rollen bis ins letzte Details „ausspielten“, ein und durften miterleben, wie dünn doch das Freundschaftsband geknüpft ist: Der sensible Franzose – vom ungeschickten Herrn Biedermann mehrmals beim Rezitieren unterbrochen – zog nämlich beleidigt von dannen, nachdem er sich daraufhin bei dem Vortrag seines französischen Friedensgedichtes mehrmals verheddert hatte. Die deutsch-französische Verschwisterung war einen Moment lang gefährdet, doch Herr Biedermann und Monsieur Pes bekamen die Kurve und dokumentierten dieses ehrwürdige Verschwisterungsdatum mit einem Abschlussfoto.

Wer an diesem Treffen der „alten bekannten“ Kleinkünstler den großen Showakt mit viel Akrobatik suchte, wurde nicht fündig. Dafür wurde die Altstadt mit vielen wandernden Gruppen zur skurrilen Bühnenkulisse. Und bei Harold Hugenholtz aus den Niederlanden, der sich selbst nicht zeigte, sondern seine Gäste mittels Kamera aus seinem Zelt heraus aussuchte, wurden die Besucher mit einer humorvollen Karikatur beschenkt, die sie sich selbst im Anschluss herunterladen konnten. Auch die bei Groß und Klein gleichermaßen beliebten Waldameisen vom Theater Pikante marschierten wieder in Reih und Glied, rhythmisch und geräuschvoll auf Kommando der Ober-Ameise durch die Stadt, gefolgt vom „Cie Tutti Frutti“ mit „Ici Même“, einer spontan improvisierenden Marching-Band. Mit viel Koordinationsgeschick liefen, spielten und steppten die Vier sich in die Herzen ihrer Zuhörer, die ihnen durch die Altstadt zum nächsten Programmpunkt folgten: ebenfalls einer musikalischen Nummer, den Bombastics. Die verwandelten den Schirnplatz in ein verrücktes Theater. Was sie spielten, war ein Mischung von eigenwilligen Beats, von Oper, Blues bis Italoswing, gepaart mit Clownerie. Die schrillen Multitalente muss man aus nächster Nähe erleben, bei ihren Auftritten vor der Zehntscheune und auf der Schirn war das Lachen der Besucher weithin zu hören – nicht nur zum Ende ihrer Show, wenn sie mittels Zollstock als Schiff und Eisberg und Nasenpfeife für den passenden Song den Untergang der Titanic mimten.

Einen großen Auftritt und immer wieder als Stars der eigenen Körperbeherrschung gern gesehen, legten die Speed Freakzs aus der Partnerstadt Ballenstedt ihre Breakdance-Show auf das Parkett. Die Könner von Einhand-Handständen und Drehungen auf dem Kopf bei schnellen Beats brachten alle Besucher zum Staunen.

Einen kleineren Auftritt auf der Recepturbühne, der außer einigen bitterbösen Zeilen des Klavierkabarettisten Pascal Franke keine allzu großen Überraschungen bot, hatten die Poetry-Slammer, Wort-Jongliere, eingeladen vom Juze Oberhöchstadt.

Um so mehr staunen konnten die Besucher beim Italiener Fausto Barile, der seine Gäste zum Bauchtheater einlud. Unter seinem Jackett und seiner Weste verbarg sich ein Miniaturtheater. Wie er es bespielt – sozusagen inmitten seines Bauches, wird erst mit der Zeit des Stückes klar, in dem er viel Papier isst, das sich als Toilettenrolle auf der kleinen Bühne wiederfindet, Rosen züchtet und Zigaretten qualmen und tanzen lässt, denn zaubern kann der Theaterclown natürlich auch, was sich vor der alten Scheunenkulisse im Dingeldein-Hof in der Friedrich-Ebert-Straße besonders gut machte.

Wieder einmal wurde die Altstadt für eine Nacht und einen Tag zur Bühnekulisse, wobei das Alpenkarussell vor der Zehntscheune am Sonntag am besten in eine andere – die Welt der Fabelwesen (das Karussell ist aus Treibholz gebaut, ein Spielmann begleitet die Reise, die Eltern sorgten mit der Antriebs-Wippe selbst dafür, dass es sich dreht) entführte, während der Oberhöchstädter Chor Vox Musicae auf der Recepturbühne mit Auszügen aus seinem Programm „Küss‘ den Koch“ Lust auf kulinarische Genüsse machte: Die gab es natürlich in flüssiger und fester Form ebenfalls – unter anderem an den Ständen der Partnerschaftsvereine in der Tanzhausstraße, sodass sich dort die Samstagnacht oder der Sonntagabend entspannt ausklingen ließ.

Einen Sonderapplaus hatte es für die langjährige Geschäftsführerin des Kronberger Kulturkreises, Dorothée Arden, zum Auftakt des Da Capo bereits gegeben, als Bürgermeister Klaus Temmen die Gäste im Recepturhof begrüßte. Damit der Feierlichkeiten zum Kulturkreis-Jubiläum in Kronberg noch nicht genug: Wie Temmen verriet, wird es im Victoria-Park am 11. und 12. August noch eine offizielle Geburtstagsfeier geben, an der mit weiteren Kultur-Genüssen zu rechnen ist.

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