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Ernst Ludwig Kirchners „Königstein mit roter Kirche“

Königstein (mc) – 9. November 1938: In Königstein, mit seinen damals etwa 3.500 Einwohnern ein eher unauffälliges Städtchen am Südhang des Taunus, wird die erst 1906 geweihte jüdische Synagoge im Seilerbahnweg in der Reichspogromnacht brutal entweiht und niedergebrannt. Die jüdischen Mitbürger, die über die Jahrhunderte hinweg das Leben der Stadt im friedlichen Miteinander bereichert hatten, wurden von nun an gnadenlos verfolgt. Die letzten der 1933 noch 73 Bürger jüdischen Glaubens wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert. Die Presse meldete menschenverachtend, dass Königstein nun „judenfrei“ sei.

Einer der bekanntesten Königsteiner Juden war Dr. Oskar Kohnstamm (1871-1917). Seit 1894 in Königstein als praktizierender Arzt tätig, ließ er 1905 im Ölmühlweg ein Sanatorium zur Behandlung von Nerven-, Magen- und Stoffwechselerkrankungen errichten. Die Patienten Dr. Kohnstamms, zu denen so hochrangige Künstler und Intellektuelle wie der Komponist Otto Klemperer, der Schriftsteller Carl Sternheim oder der expressionistische Maler Ernst Ludwig Kirchner zählten, kamen aus ganz Deutschland. Heute beherbergt das frühere Sanatorium ein Marketingunternehmen. Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), durch Erlebnisse im I. Weltkrieg traumatisiert, weilte zwischen 1915 und 1916 mehrfach bei Dr. Kohnstamm zur Kur. Er hat mit einigen seiner Werke in Königstein Spuren hinterlassen. Im Brunnenhaus des Sanatoriums schuf Kirchner im Rahmen seiner Therapie farbige Wandgemälde, die Badeszenen eines Urlaubs auf Fehmarn darstellten. Ende der 1930er-Jahre wurde dieses Gesamtwerk aus bis heute ungeklärten Gründen dauerhaft zerstört. Kirchner, der am 15. Juni 1938 in der Schweiz durch Freitod aus dem Leben schied, hat eine Reihe expressionistischer Darstellungen mit Königsteiner Motiven hinterlassen. Sie zeigen „Königstein und die Eisenbahn“, „Bahnhof von Königstein im Schnee“ oder als Holzschnitt „Bahnhof Königstein im Taunus“. Das Kunstwerk „Straßenszene in Königstein“ hat eine besondere Geschichte. Das Aquarell von 1916 zeigt in der Kugelherrnstraße die Häuser 13 bis 19 mit der Österreichischen Bastion der Burgruine am rechten oberen Bildrand. Die Taunus Sparkasse hat mit dem Ankauf des Aquarells aus Kirchners Nachlass den dauerhaften Verbleib des Meisterwerks im Taunus ermöglicht. Ebenfalls 1916 schuf Ernst Ludwig Kirchner das heute in Privatbesitz befindliche Bild „Königstein mit roter Kirche“ in Öl auf Leinwand (63x80 cm). Wie oft mag er den Weg – vom Ölmühlweg her kommend – durch die Herzog-Adolph-Straße, die Marienkirche vor Augen, gegangen sein? Beim Betrachten des Bildes kann man fast seine schwere Depression erahnen. Es ist Fritz Kehrer, dem Enkel des Hoffotografen Friedrich Kehrer, zu verdanken, dass dieses Bild nun in den Fokus der Erinnerungen gerät. Fritz Kehrer, der mit seiner Familie seit Jahrzehnten in Kriens bei Luzern wohnt, Königstein aber bis heute verbunden blieb, fand am Schriftenstand seiner Pfarrkirche eine großformatige Grußkarte mit Kirchners Bild. Kehrer ist es stets wichtig, Königsteins facettenreiche Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Wenige Tage vor der Wiederkehr der Demütigung jüdischer Bürger vor 80 Jahren in der Reichspogromnacht mit ihren schändlichen Folgen für unser Land, scheint es deshalb mehr als wichtig, Menschen wie Dr. Oskar Kohnstamm und Ernst Ludwig Kirchner, stellvertretend für alle Opfer, nicht aus der Erinnerung zu verdrängen.

Ganz so schmal war die Herzog-Adolph-Straße nicht, da spielen künstlerische Freiheiten hinein – die Farben könnten von einem Sonnenuntergang stammen.
Repro: Colloseus

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