Hochtaunus (how). Knapp 100 Gäste waren ins Ludwig-Erhard-Forum des Landratsamts gekommen, um ein besonderes Jubiläum zu feiern. Zehn Jahre war es her, dass der Hochtaunuskreis mit der hessischen Landesregierung eine Kooperationsvereinbarung mit dem Titel „Modellregion Inklusive Bildung im Hochtaunuskreis“ geschlossen hatte. Die Vereinbarung war zwar nach fünf Jahren ausgelaufen. Doch der eingeschlagene Weg wurde seitdem konsequent weiterverfolgt. Jetzt, erneut fünf Jahre später, war es an der Zeit, Bilanz zu ziehen.
Der Start im Jahr 2013 war mit vielen kritischen Stimmen begleitet worden. Im Kern ging es um die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen noch umfassender die Möglichkeit geben soll, eine allgemeine Schule zu besuchen. „Wir sind das Thema damals offensiv angegangen, haben aber auch die klassischen Fördermöglichkeiten beibehalten“, erinnerte sich Landrat Ulrich Krebs in seiner Begrüßungsansprache. Er betonte aber auch: „Inklusion ist noch immer eine Herausforderung.“ Im Mittelpunkt der Entwicklung zur Modellregion stand der Abbau stationärer Förderschulsysteme. Das Land Hessen sicherte im Gegenzug zu, dass die dadurch freiwerdenden Stellen in der Region belassen und zur Stärkung und Ausbau des inklusiven Unterrichts eingesetzt werden. Zudem wurde erprobt, dass Lehrkräfte eines Beratungs- und Förderzentrums Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen fast ausschließlich in einer allgemeinen Schule unterstützen. Begleitet wird dieser Wandel auch nach Abschluss der Modellregion von der Paula-Fürst-Schule in Usingen. Sie ist das Regionale Beratungs- und Förderzentrum, kurz REBUS genannt.
An ihr wird deutlich, wie Inklusion die Schullandschaft im Hochtaunuskreis verändert hat. Mit dem Umzug von Wehrheim nach Usingen wurde 2018 aus der Heinrich-Kielhorn-Schule die Paula-Fürst-Schule – eine Schule mit einem paradoxen Ziel: Sie möchte keine Kinder in ihren Räumen unterrichten. Mit ihrer Unterstützung sollen Kinder mit Handicap in Regelschulen unterrichtet werden. Die pädagogischen Kräfte der Paula-Fürst-Schule unterstützen dabei die Lehrkräfte an den Regelschulen. „Es waren damals sehr viele Gespräche notwendig“, erinnerte sich auch die Leiterin des Staatlichen Schulamts für den Wetteraukreis und den Hochtaunuskreis, Dr. Rosemarie zur Heiden, an die Anfänge. Schulleiter, Lehrer, Eltern und Träger hätten dabei überzeugt werden müssen, dass Inklusion funktionieren könne. Das sei geglückt, weshalb man jetzt sagen könne, dass im Hochtaunuskreis inklusive Bildung weder Vision oder Utopie, sondern ein Stück weit Realität. Damit griff die Schulamtsleiterin den Titel des Festvortrags von Professor Dr. Peter Heiniger auf. Der Schweizer Didaktik-Experte hat das Thema Inklusion im Hochtaunuskreis seit vielen Jahren verfolgt sprach zum Thema „Zehn Jahre inklusive Bildung im Hochtaunuskreis: Vision oder Utopie?“. Er attestierte dem Hochtaunuskreis diesbezüglich deutlich weiter zu sein als große Teile der deutschen Schullandschaft. Heiniger warb dafür, neue Bildungsstrukturen zu erarbeiten. Dabei gehe es auch darum, beharrlich Überzeugungsarbeit unter Lehrkräften zu leisten. Heiniger untermauerte diese Forderung mit Zahlen, wonach 73 Prozent der Lehrkräfte in Deutschland an eine bessere Förderung von Kindern mit Handicap in Sonderschulen glauben und 71 Prozent der Lehrkräfte sich durch die Anforderungen der Inklusion überfordert fühlen. Allerdings drehen sich diese Zahlen um, so Heiniger, sobald Lehrer Erfahrung in der inklusiven Beschulung gesammelt haben. Dann würden 80 Prozent der Lehrkräfte diese Form des Unterrichts für sinnvoller halten.
Wie schwierig die Anfänge waren, verdeutlichten Dr. Erik Dinges vom Staatlichen Schulamt und Sascha Bastian, Fachbereichsleiter Schule und Betreuung im Landratsamt: Die damalige Pestalozzischule (heutige Maria-Scholz-Schule) wurde von einer Förderschule zu einer Grundschule mit einer Förderabteilung Sprachheil, die Paula-Fürst-Schule hat eine Schülerzahl von nahezu Null, nur die Hans-Thoma-Schule verzeichnet aktuell leicht steigende Schülerzahlen, was aber an den allgemein steigenden Schülerzahlen liege. Im Gegenzug wurde die Lehrerzahl von 40 auf über 100 Lehrkräfte nach oben geschraubt, die Schüler, aber auch Lehrkräfte im Rahmen der inklusiven Bildung unterstützen. „Von daher können wir sagen, dass wir die Ziele der Modellregion inzwischen bei Weitem überboten haben“, sagte Sascha Bastian.
Michael Glenzer, Fachbereichsleiter Kinder und Jugend im Landratsamt, wies in seinem Beitrag darauf hin, dass immer mehr Schüler Hilfe und Unterstützung der Kooperationsstelle bei der Bewältigung ihres Schulalltags benötigen. Die Zahlen hätten sich seit 2013 verzehnfacht. Dies zu bewältigen sei nur möglich durch das Engagement der Mitarbeiter des Landratsamtes und der vielen Teilhabeassistenten, flexiblen sozialpädagogischen Fachkräften der Kooperationsstelle sowie den Kooperationspartnern, die die Mitarbeiter bewerben und ausbilden, um sie dann im Auftrag des Kreises an den Schulen einzusetzen.
In ihrem Schlusswort bedankte sich Kreisbeigeordnete Katrin Hechler bei allen Beteiligten. Inklusion sei ein Thema mit vielen Fragen für die es keine leichten Antworten gebe. Es habe Mut gebraucht, diesen Weg vor zehn Jahren einzuschlagen. „Heute können wir sagen, dass sich der Mut gelohnt hat. Auch wenn das Thema Inklusion noch längst nicht abgeschlossen ist.“