Aussteigen? Absteigen? Umsteigen? – Eine Rad-Sternfahrt

Hochtaunus (ab). Am Samstag, 14. September, wird im Rhein-Main-Gebiet im Wortsinn ein großes Rad gedreht: Ein Bündnis aus 18 gemeinnützigen Organisationen ruft radelnde Menschen zu einer riesigen Sternfahrt auf. Auf sieben Hauptrouten werden sich zigtausende Radler auf den Weg zum Frankfurter Messe-Gelände machen. Dort findet zeitgleich die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) statt. Über die Hintergründe und den geplanten Ablauf der Fahrrad-Sternfahrt äußern sich zwei Aktive im folgenden Interview.

Das Gespräch führte Andreas Beck.

Der Frankfurter Werner Buthe (WB) ist beruflich selbstständig und organisiert deutschlandweit Groß-Events, auch mit dem Themenbezug Rad. Dazu gehört die jährliche Berliner Fahrrad-Sternfahrt mit mehr als 100 000 Teilnehmern, die weltweit größte ihrer Art. Er hat neben vielen „Critical Mass Veranstaltungen“ im Rhein-Gebiet den großen Schülerkorso in Wiesbaden mitgegründet, außerdem die „Frankfurter bike-night“ 2011 ins Leben gerufen. Er war Mitglied im hessischen Landesvorstand des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) und gehört außerdem dem Kernteam des Frankfurter Radentscheids an, mit dem viele Verbesserungen für den innerstädtischen Radverkehr erreicht wurden. Auch die Sternfahrt am 14. September hat er konzipiert und tritt als Veranstaltungsleiter auf. Menschen, die ihn kennen, behaupten, er habe „Fahrrad-Korso“ im Blut.

Thorsten Fogelberg (TF) ist kaufmännischer Angestellter und Mitglied des ADFC im Hochtaunuskreis. Seit einiger Zeit engagiert er sich in radpolitischen Themen und versucht, die Kommunalpolitik fahrradfreundlicher zu machen. Für die Sternfahrt übernimmt er die Routenleitung von Usingen aus durch den Hochtaunuskreis nach Frankfurt.

Was ist das Motiv der Sternfahrt? Warum findet sie statt?

WB: Wer einmal an einer großen Sternfahrt teilgenommen hat, macht das immer wieder. Es macht unheimlich Spaß, mit zigtausend anderen Radlern gemeinsam unterwegs zu sein. Die Sternfahrt erlaubt es, ganz neue Wege zu fahren, denn wir nutzen Bundes- und Landesstraßen, in Frankfurt auch streckenweise Autobahnen und die großen mehrspurigen Hauptstraßen durch die City. Natürlich ist das alles bei der Polizei angemeldet und entsprechend durch diese gesichert.

TF: Wir radeln auf die IAA zu, um deutlich zu zeigen: Die Autoindustrie hat immer noch nicht die Signale der Zeit verstanden. Dem Dieselbetrugs-Skandal, den gesundheitsschädlichen Emissionen und den Erfordernissen eines ambitionierten Klimaschutzes völlig ignorant gegenüber, produzieren deutsche und ausländische Autohersteller überwiegend große, schwere, spritschluckende Fahrzeuge. Auf der IAA werden diese als Fortschritt angepriesen, dabei sind sie alles andere als das.

WB: Das Bündnis #aussteigen, das sowohl die Sternfahrt als auch eine Demo gegen diese Unvernunft organisiert, fordert dagegen: Jetzt ist der Zeitpunkt für einen konsequenten Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor, sonst ist CO2-Neutralität nicht zu schaffen. Der Klimaschutz ist eine strategische Herausforderung an die Hersteller, der sie sich bislang überwiegend verweigern. Es fehlen vor allem kleine, sehr sparsame Autos sowie bezahlbare Elektroautos für Durchschnittsverdiener. Stattdessen werden „zivile Panzer“ mit einem elektrischen Feigenblatt produziert, und die Umweltzerstörung geht munter weiter. Wir sind dem „Point-of-no-return“ schon gefährlich nahe – es bleibt keine Zeit mehr für Gerede und falsche Konzilianz.

Also sind Autofahrer die Feinde?

WB: Nein, ganz und gar nicht! Das ist uns wichtig. Viele, die sich für eine Verkehrswende einsetzen, sind selbst auch Autofahrer, ich selbst fahre auch Auto – aber nur dort, wo es keine echte Alternative zum ÖPNV und zum Rad gibt. Der umweltschützende Handlungsbedarf und der zunehmende Verkehrskollaps ist den meisten Autofahrern ja durchaus bewusst. Wir wollen den innerstädtischen Individualverkehr mit dem Auto schrittweise verzichtbar machen.

Und welche Ziele verfolgt das Bündnis darüber hinaus?

WB: Es geht nicht darum, alle Autos abzuschaffen, sondern ein breiteres Bewusstsein für Alternativen zum Auto zu schaffen. Wir freuen uns, wenn die Teilnehmenden der Sternfahrt nicht nur Spaß haben, sondern auch etwas nachdenklich nach Hause kommen: Welche konkreten Hindernisse bestehen eigentlich für den Ausbau des Radverkehrs und wie lassen sich diese überwinden? Andere Länder wie die Niederlande und Dänemark machen es ja vor, und auch deutsche Städte wie Münster, Karlsruhe und Oldenburg sind dem Rhein-Main-Gebiet radpolitisch weit voraus. Erfolgreiche Metropolen weltweit schaffen und fördern den Verkehr, den sie in der Stadt haben wollen. In Deutschland muss dagegen einem wachsenden Radverkehr hinterher gebaut werden.

TF: Ein weiteres Ziel ist der verantwortlichen Landes- und Kommunalpolitik zu zeigen: Wir Bürger sind bereit für eine echte Verkehrswende. Wir brauchen die Politik, um dafür endlich die Rahmenbedingungen zu schaffen. Wir müssen dem Autoverkehr Fläche wegnehmen, um innerstädtische Lebensräume zu gewinnen, in denen alle sicher und komfortabel unterwegs sein können. Die Politik wiederum braucht den Rückhalt der Bevölkerung, um alte Zöpfe der Autoindustrie abzuschneiden. Mit zigtausend Teilnehmern zeigen wir: Wer auch immer in der Politik in diese Richtung aktiv wird, hat uns sofort als Unterstützer.

Wie soll denn die Sternfahrt ablaufen? Was passiert im Hochtaunuskreis?

WB: Es gibt sieben Hauptrouten aus Gießen, Friedberg, Usingen, Wiesbaden, Mainz, Darmstadt und Aschaffenburg. Hinzu kommen diverse Zubringerrouten. Alle Infos dazu findet man im Internet unter www.iaa-demo.de/Sternfahrt. Ab dem Nibelungenplatz startet zudem ein „Kidical Ride“ für Eltern und Kinder. Diese fahren die letzten Kilometer vor dem großen Teilnehmerfeld von vier anderen Hauptrouten auf die Messe zu. Diese Symbolik ist natürlich kein Zufall: Die kommenden Generationen fordern Industrie und Politik zum Handeln auf und fahren mit gutem Beispiel voran.

TF: In Usingen startet eine der sieben Hauptrouten etwa um 10.30 Uhr am Alten Marktplatz. Entlang einer von der Polizei gesicherten Strecke fahren die Radler durch Wehrheim, Friedrichsdorf, Bad Homburg. Dort gibt es etwa um 12.30 Uhr eine Pause. Danach geht es weiter nach Oberursel, Steinbach, Eschborn und von dort fahren sie ab dem Katharinenkreisel über die Theodor-Heuss-Allee mit den Radlern aus Wiesbaden und Mainz, die über die A648 kommen, zur Messe. Dort treffen sie alle weiteren Teilnehmer.

Also ist das nicht nur für geübte Sportler?

WB: Es ist für jeden Teilnehmer geeignet, der den Start und damit die Distanz frei wählen kann. Es gibt notwendigerweise einen Zeitplan, aber die Gruppen fahren außerorts mit einer moderaten Geschwindigkeit von 15 und innerorts sogar nur mit zwölf Kilometern pro Stunde. Das ist im Gegensatz zu anderen, bereits etablierten Sternfahrten viel langsamer und sollte daher für jeden zu schaffen sein. Es ist natürlich ratsam, dass das eigene Rad verkehrstauglich ist und nicht gleich mit einer Panne ausfällt.

Was muss man sonst noch wissen?

WB: Nicht nur die Sternfahrt selbst, sondern auch das ganze Drumherum macht viel Arbeit und viel Spaß! Es werden jedoch noch diverse Ordner und Helfer gesucht, auch dazu gibt es einen Aufruf auf der Homepage.

Und was sagt eigentlich die Auto-Industrie zu dieser Aktion?

WB: Der Verband der Automobil-Industrie (VDA) hat relativ früh versucht, Kontakt zum Bündnis aufzunehmen. Wir sind gern zum Dialog bereit, jedoch nur, wenn dieser vollständig öffentlich geführt wird. Das wiederum hat der VDA bislang nicht angenommen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Werner Buthe (WB) organisiert deutschlandweit große Rad-Events. Foto: privat

Thorsten Fogelberg (TF) ist Mitglied des ADFC im Hochtaunuskreis. Foto: privat

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