Laufen für eine bunte Gesellschaft

Pure Freude: Sara Wehrheim (Mitte) und ihre Freundin machen sich auf zum 1,5 Kilometer langen Integrationslauf. Fotos: js

Von Jürgen Streicher

Oberursel. Unter großem Jubel wird kurz vor dem Startschuss die Zahl 1838 verkündet. So viele Menschen wollen beim 14. Integrativen Zimmersmühlenlauf ein Zeichen für Vielfalt setzen und für eine bunte Gesellschaft werben. 1838 Frauen, Männer, Kinder, Jugendliche haben die Sportschuhe geschnürt und ein buntes Laufshirt angezogen, um dabei zu sein bei der fröhlichen Demonstration für ein Leben mit möglichst wenig Behinderung im Umgang miteinander.

Mit all denen am Straßenrand und den vielen Helfern im Hintergrund und auf der Party-Plattform im Hof der Oberurseler Werkstätten für Menschen mit Behinderung ein Lauf-Fest der besonderen Art mit weit über 2000 Gästen.

Tradition verpflichtet, Tradition macht vor allem aber auch Spaß, wenn Gleichgesinnte zusammenkommen, um das Leben zu feiern. So, wie es eben ist, ob mit oder ohne Beeinträchtigung, ob in guten oder schlechten Zeiten, bei Regen oder Sonnenschein, so banal das klingen mag. Das Schöne beim Zimmersmühlenlauf: Die Party beginnt schon auf dem Weg dorthin, nimmt beim Warm-up Fahrt auf und bleibt auch lustig bei der sportlichen Betätigung, weil eben jeglicher Bierernst fehlt. Und der Bierspaß beim „Come Together“ nach dem Lauf wartet. Auch deswegen kommen viele jedes Jahr wieder und bringen noch den einen oder anderen Freund mit, um diesen auch zu infizieren. Der letzte Donnerstag im August ist gesetzt, der „Lauf für Integration“, einst von Marcus Scholl und dem früheren Leiter der Oberurseler Werkstätten inszeniert, ist wie erhofft zu einer Institution geworden. Scholl sieht das mit Freude, heute reicht er den Teilnehmern am Start und Ziel das Wasser. Mit über 2000 Startern wurde vor zwei Jahren der absolute Rekord erreicht, das macht alle stolz.

Glitzer-Puschel und Aufregung

Kurz vor dem Start wird schon mal die Welle geübt, eine Handvoll Cheerleader der Bad Homburger „Sentinels“ schwingen die glitzernden Puschel über ihren Köpfen, ein bisschen karnevalistische Folklore gehört auch beim Auftritt mancher Sportler dazu. Die Stimmung auf der Start- und Zielgeraden ist trotz oder gerade wegen der Aufregung schon vor dem Lauf bestens. Wer stark gehandicapt ist oder ohne Rollstuhl nicht mit von der Partie sein könnte, hat einen Helfer an der Seite, „Miteinander und Füreinander“ ist ein wichtiges Motto beim Zimmersmühlenlauf. Auf Lauf- und Siegerzeiten wird nicht geguckt, das interessiert keinen, jeder ist ein Sieger.

Und was macht der Betriebsleiter der Oberurseler Werkstätten so beim Saisonhöhepunkt? Steckt in kurzer Hose und im jedes Jahr neu kreierten Zimmersmühlenlauf-Trikot mit Landrat Ulrich Krebs die Köpfe zusammen. Macht die Honneurs, grüßt kurz auftauchende politische Prominenz (meist ohne Sportdress), bedankt sich bei den Sponsoren und Unterstützern und ist bis Sekunden vor dem Start Moderator am Mikrofon. Dann muss er runter vom Podest aufs Pflaster und Hand in Hand mit seinen sieben Jahre alten Zwillingssöhnen auf die Piste. Ein Zeichen setzen, hier läuft auch der Chef mit, selbst wenn es nur eine von vier Runden im Hauptlauf ist. „Bin nicht in Form, zu wenig Training“, das sieht ihm hier jeder nach.

Martin Steinmetz läuft mit Frau und Freunden das komplette Sechs-Kilometer-Programm, ganz gemütlich im lockeren Jogging. Einer von denen, die immer da sind. Einmal in 14 Jahren hat er gefehlt, „da war ich entschuldigt“, lacht der 59-jährige Oberurseler. Tradition haben auch die kleinen Wettbewerbe am Rande, weil ja offiziell keine Laufzeit gestoppt wird. Bei den Firmen hat diesmal Rolls Royce gewonnen, ein wichtiger Kunde der Oberurseler Werkstätten. Mit 78 Startern stellt RR so viele Integrationsläufer wie kein anderes Unternehmen, dicht gefolgt von Thomas Cook (72) und vom Energieversorger Süwag (67). Der Landrat muss noch Werbung machen im eigenen Haus, mit 46 Teilnehmern ist hier noch Luft nach oben.

Als Verein stellt die TSG Oberursel mit 48 Läufern das größte Kontingent, fast alle sind Handballer. Im Integrationslauf über 1,5 Kilometer sind die Werkstätten (115 Läufer) am stärksten vertreten, der IB hat 60 auf die Straße gebracht. Im nächsten Jahr, der letzte Donnerstag im August ist bereits notiert, wollen alle noch einmal versuchen, die 2000er-Schallgrenze zu knacken.

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