Zeitzeugen erinnern sich an das Kriegsende: Verein Heckstadt Freunde will Geschichte lebendig halten

Beim Erzählcafé des Vereins Heckstadt Freunde teilten Zeitzeugen bewegende Geschichten über das Kriegsende 1945 und die entbehrungsreichen Jahre danach.

Foto privat

Oberhöchstadt (kb) – Im Mittelpunkt des Erzählcafés stand diesmal das Kriegsende im Jahr 1945. Der Verein Heckstadt Freunde hat aus diesem Anlass zu einem gemeinsamen Erinnern eingeladen.

Die bewegenden Zeitzeugenberichte des Erzählcafés im Altenstift Hohenwald fanden eine ebenso eindrucksvolle Fortsetzung in den Gemeinderäumen von St. Vitus. Der Verein „Heckstadt – Freunde Oberhöchstadts e.V.“ setzte damit seine Arbeit zur lokalen Erinnerungskultur fort. Erneut erzählten Zeitzeugen von ihren Erlebnissen während der letzten Kriegstage und den entbehrungsreichen Jahren danach.

Richard Schmidt schilderte, wie sein Vater zunächst in Paris stationiert war und später als Sonderführer für die Landwirtschaft nach Russland versetzt wurde. Die ersten Bomben fielen bereits 1939 als Notabwurf auf Oberhöchstadt, und bis Anfang 1945 blieben die Kriegsjahre trotz rund 600 Fliegeralarmen verhältnismäßig ruhig. Doch der 14. März 1945 brachte einen verheerenden Tieffliegerangriff, bei dem im Seniorenstift Hohenwald 19 Menschen ums Leben kamen. Insgesamt forderte der Krieg in Oberhöchstadt 83 gefallene Soldaten und zahlreiche zivile Opfer.

Kriegsende in Oberhöchstadt

Am 29. März 1945 um 15.05 Uhr erreichten die ersten amerikanischen Panzer Oberhöchstadt und schossen auf alles, was sich bewegte. Heinz-Georg Heil berichtete, dass sein Vater Engelbert Heil sich als Messdiener nur durch einen Sprung hinter ein Jauchefass retten konnte. Die Geschosse durchlöcherten das Fass, doch zum Glück schlugen sie nicht durch. Pfarrer Richard Keuyk trat den anrückenden amerikanischen Soldaten entgegen und verhinderte so weitere Kämpfe. Mit den Worten „Hier ist ein Ort des Friedens“ soll er die Situation beruhigt haben.

Die schwere Nachkriegszeit

Nach Kriegsende waren die Jahre von Armut und Entbehrungen geprägt. Jeder, der ein Stück Land besaß, baute Kartoffeln und Gemüse an. Die Vorgärten wurden zu Nutzflächen umgewandelt. Karl Jüngst, der bereits vor 1933 Bürgermeister war, wurde von den Amerikanern als erster Bürgermeister nach dem Krieg eingesetzt. Die erste Gemeinderatswahl fand am 27. Januar 1946 statt.

Heinfried Schneider, der 1936 geboren wurde, erzählte, dass die Kriegsjahre für Kinder anscheinend ruhig verliefen – bis auf die Angst um ihre Väter, von denen viele nicht zurückkehrten. Sein Vater war als Soldat in England eingesetzt und musste dort Bomben abwerfen. Auch Oberhöchstadt blieb nicht verschont: Ein geplanter Bombenangriff auf ein Munitionslager verfehlte sein Ziel, richtete aber dennoch Schäden an.

Am 14. März 1945 wurden die Baracken im Hohenwald angegriffen. 24 Menschen wurden dabei erschossen. Da es nicht genug Särge gab, wurden die Toten in Tücher gewickelt und in einem Massengrab beigesetzt. Viele Menschen verbrachten Nächte in Angst, einige hatten sogar Angst, ihre Keller aufzusuchen, da ihre Häuser instabil waren.

Erinnerungen an den Neuanfang

Auch persönliche Erlebnisse fanden Platz im Erzählcafé. Richard Schmidts ehemalige Kinderfrau Käthe berichtete von ihrem Pflichtjahr in einer Bäckerei. Einmal wurde sie von Behörden aufgegriffen, weil sie keine Uniform trug. Nur mit großer Mühe konnte sie sich in Frankfurt eine Uniform mit Kleidermarken besorgen – andernfalls hätte ihr eine Strafe oder Schlimmeres gedroht.

Die Teilnehmer erinnerten sich an die Zeit der amerikanischen Besatzung. Oberhöchstadt leistete keinen Widerstand – an vielen Häusern hingen weiße Tücher, was wahrscheinlich schlimmere Zerstörungen verhinderte. Auch die Kinder standen vor Herausforderungen: Ein halbes Jahr lang fiel der Schulunterricht aus, und als er wieder begann, gab es zunächst keine neuen Schulbücher, da die alten voller NS-Propaganda waren.

Zum Abschluss wurde es noch einmal emotional: Die Geschichte von Frau Kempf, die im Krieg ihre einzigen Söhne verlor, rührte viele Anwesende. Auch heitere Erinnerungen wurden geteilt – wie die von Helmuth Berner, der sich auf einem Maskenball als Frau verkleidete und seinen Tanzpartner damit in große Verwirrung stürzte.

Der Verein Heckstadt freute sich über zahlreiche Besucher, die gemeinsam mit den Zeitzeugen diesen besonderen Moment der Geschichte aufleben ließen. Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, wie wichtig es ist, Zeitzeugenberichte festzuhalten. Die Schicksale jener Jahre dürfen nicht in Vergessenheit geraten – nicht nur als Mahnung, sondern auch als wertvolle historische Erinnerung für kommende Generationen.



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