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Evangelische Gemeinde Schneidhain hat wieder einen (halben) Pfarrer

Schneidhain (hhf) – Dass sie sich ihren Pfarrer mit Nachbarn teilen müssen, ist genaugenommen für die Schneidhainer nichts Neues – schon in der urkundlichen Ersterwähnung der Dorfes („Snithan“) ist zu lesen, dass hier 1215 der Burgkaplan von Königstein „die Messe liest“.

Was damals in konkurrenzloser katholischer Zeit funktionierte, klappt heute auch bei den Protestanten, und zwar schon länger als man denkt. Eine Pfarrstelle ist nämlich an eine festgelegte Zahl von Gemeindemitgliedern gebunden. Wird diese nicht erreicht, gibt es verschiedene Möglichkeiten – die Falkensteiner Variante einer Finanzierung des fehlenden Anteils durch die Gemeinde ist dabei eher selten. Seit geraumer Zeit füllen dagegen die Schneidhainer Hirten die fehlenden Schäflein durch Schulunterricht oder Krankenhausseelsorge auf, sogar Unterstützung der Kirchenleitung als EDV-Berater war schon dabei, Tätigkeiten, die vor Ort nicht sonderlich auffielen.

25 Kilometer Entfernung

Nun aber geht es zurück zu den Wurzeln, und die Schneidhainer Protestanten – die von 1650 bis 1949 auch schon die Simultankirche mit den Katholiken gemeinsam benutzten – teilen sich ihren Pastor wieder wie im 13. Jahrhundert mit einer anderen Gemeinde – nur, dass Eddersheim 25 Kilometer entfernt direkt am Main und damit im Main-Taunus-Kreis liegt.

Auf ausgetretenen „Kapuzinerpfaden“ wäre das nicht ohne Weiteres zu schaffen gewesen, mit dem Auto ist es heute ein Katzensprung, wenn man Berufsverkehr und Schneechaos umgehen kann. Der 2018 in den Ruhestand gegangene ehemalige Sozialamtsleiter Hermann-Josef Lenerz (katholisch) hat das jedenfalls ein Berufsleben lang problemlos hinbekommen.

Pfarrer Timo Winzler, der in seinem Vikariat (letzte Ausbildungsstufe, entspricht einem Referendariat) schon einmal für zwei Gemeinden im Westerwald gleichzeitig zuständig war, sieht jedenfalls statt Problemen sogar Chancen in solch einer Situation. Ähnlich einer Städtepartnerschaft können sich die Gemeinden gegenseitig kennenlernen und auf neue Ideen bringen oder große Projekte gemeinsam angehen – können, nicht müssen – geteilte Freude kann so schnell zur doppelten Freude werden.

Vakanz beendet

Die Schneidhainer freuen sich derzeit aber schon über ihre Hälfte allein, denn die Zeit der „Vakanz“, also ohne Pfarrer, ist vorbei. Nachdem Peter Gergel erkrankt die Stelle aufgeben musste, vertrat ihn Lothar Breidenstein aus Falkenstein, der jedoch seinerseits die dortige Pfarrstelle wechselte. Zuletzt kümmerte sich Katharina Stoodt-Neuschäfer aus Königstein um die Nachbarn. Um die kümmerte sich mittlerweile der Probst als höhere kirchliche Verwaltungsinstanz persönlich: „Wir finden eine Lösung“.

Wolfgang Preiß, der Vorsitzende des Kirchenvorstandes, erinnert sich noch gut an das Telefonat, in dem er erfuhr, dass sich „ein jüngerer Pfarrer“ für die Stelle interessiere. Noch mehr begeisterte es die Schneidhainer, als sie erfuhren, dass „der Neue“ bei ihnen wohnen würde, doch daraus erwuchs schnell Selbstbeschränkung: „Wir dürfen nur eine halbe Stelle verlangen!“ Darüber hinaus sind die Hochtaunus-Christen aber auch von der Idee überzeugt, den Brüdern und Schwestern im Main-Taunus offen gegenüberzutreten und dann zu sehen, was sich ergibt.

Chemie stimmt doppelt

Die Voraussetzungen stehen also nicht schlecht, zumal ihr Pfarrer auf seiner Stellensuche schnell merkte: „Die Chemie stimmt doppelt“ – und auch theologisch passt es gut zusammen. Dem Pfarrer gefällt in beiden Gemeinden die Vielfältigkeit des gelebten Glaubens. Obwohl ihm vor allem die Jugendarbeit am Herzen liegt, reizte ihn am Pfarramt vor allem „das Engagement mit Menschen unterschiedlichen Alters“.

Und Winzler weiß genau, was er will, denn sein Weg dorthin war nicht ganz so einfach. Mit 28 Jahren hatte der bis dahin bekennende Berliner das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg bestanden, denn der Industriekaufmann hatte festgestellt, dass er sein Berufsleben lieber näher an, mit und für Menschen gestalten möchte. Dabei hatten ihn zwar sein Pfarrer und die Gemeinde in Berlin motiviert, doch studierte er zunächst auch Medizin, bis er sich endgültig „für den schwarzen statt für den weißen Kittel“ entschied. Im hektischen Krankenhausalltag war zu wenig Zeit für das menschliche Miteinander.

Von Berlin nach Rhein-Main

Das Theologiestudium führte ihn schließlich nach Marburg und Mainz, also ins Rhein-Main-Gebiet, wo er sich nun seit rund 11 Jahren sehr wohl fühlt. Gerade die Mischung aus ländlichem Umfeld (Hobbies: Joggen, Fahrradfahren, Schwimmen) und der Großstadt in greifbarer Nähe spricht ihn und seine Lebensgefährtin sehr an.

Eine Vielfalt, die er auch im Glauben schätzt: „Der Leib Christi ist ja so unglaublich vielfältig und verschieden auf dieser Welt. Dies anzuerkennen und sich dennoch seiner eigenen Haltung bewusst zu sein, ist wahrscheinlich eine der großen Herausforderungen unserer Zeit.“ Dabei will er besonders der Jugend helfen und ermutigt den Nachwuchs deshalb, sich früh ins Gemeindeleben einzubringen: „Wenn sie erleben, dass sie in der Gemeinde willkommen sind und ihre Aktivitäten dort gewürdigt werden, motiviert sie das ganz besonders“, ist ihm bisher aufgefallen.

Über die Motivation von Pfarrer Timo Winzler muss man sich wohl keine Sorgen machen, aber es ist ihm dennoch zu wünschen, dass ihm dasselbe zuteil wird, was er der Jugend wünscht – erleben, dass er in der Gemeinde willkommen ist und dass seine Aktivitäten gewürdigt werden.

Und das, bei der Stellenteilung, nicht nur doppelt, sondern dreifach, nämlich wenn es wirklich gelingt, die zwei Gemeinden über die große Entfernung hinweg auch noch näher zusammenwachsen zu lassen.

Timo Winzler versieht seit Jahresbeginn je eine halbe Pfarrstelle in Schneidhain und Eddersheim.
Foto: privat

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