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Schnell Verhalten ändern: „Wir verlassen den sicheren Betriebszustand – für die Menschen, nicht für die Erde“

Warb im Königsteiner Forum dringend darum, nicht die „Atmosphäre als Mülldeponie“ zu missbrauchen: Professor Dr. Dr. h.c. Volker Mosbrugger ist Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Foto: Friedel

Königstein (hhf) – „Das Thema hätte man guten Gewissens auch an die erste Stelle setzen können“, denn es ist existenziell für die Menschheit, da war sich Moderator Professor Dr. Diether Döring im Königsteiner Forum sicher. Auffällig ist tatsächlich, dass die „Zeit des Umbruchs – Ende alter Gewissheiten?“, also das Jahresmotto der Vortragsreihe, ganz offensichtlich schon begonnen hat, wenn es um „Klimawandel & Co., Ressourcenverknappung – Motor künftiger Migration und Innovation“ geht.

Geradezu tröstlich der Ansatz von Professor Dr. Dr. h.c. Volker Mosbrugger, in dieser Problematik auch einen Ansatz für neue Chancen zu sehen – vorab kam der Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt am Main aber nicht um den Appell herum, das globale Umweltverhalten schnellstmöglich zu ändern. Und er muss es wissen: Sein Institut betreibt mit rund 850 Mitarbeitern weltweit Naturforschung. Deren Erkenntnisse waren so alarmierend, dass Mosbrugger als Gründungsdirektor das Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum initiierte, das von der Goethe-Universität mitgetragen wird. Ursprünglich studierte der Referent Biologie und Chemie in Freiburg im Breisgau sowie Montpellier, von 1990 bis 2005 arbeitete er als Professor für Paläontologie in Tübingen, dann wechselte er zu Senckenberg.

Natur limitiert alles

„Die Natur ist DIE limitierende Ressource“ betonte der Top-Forscher und übersetzte den ökologischen Fußabdruck ökonomisch: „Wir leben vom Kapital“, anstatt uns mit dem Ertrag zu begnügen. So beansprucht die Menschheit derzeit die Ressourcen von eineinhalb Erden, bei unverändertem Verhalten werden es etwa 2030 zwei Planeten sein. Der Frevel erstreckt sich dabei über viele Problemfelder, aus denen Volker Mosbrugger mit Klimawandel und Verlust der Biodiversität zwei gewichtige Beispiele vorstellte.

Obwohl das Klima auch aus natürlichen Ursachen schwanken kann – was unter Umständen der Menschheit nicht bekäme – zeigen langfristige Untersuchungen, dass im „Anthropozän“, also im Zeitalter des Menschen von diesem zu verantwortende Eingriffe das System Erde beeinflussen. So lässt sich gut belegen, dass nach einer gleichbleibend niedrigen Phase von 10.000 Jahren der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre seit der Industrialisierung ab etwa 1850 rapide ansteigt und bis heute einen Temperaturanstieg von etwa einem Grad im Jahresdurchschnitt verursacht hat. Je nach künftigem Verhalten rechnen Modelle mit bis zu sechs Grad Anstieg im Jahr 2100, Realisten gehen von drei Grad aus.

Selbst bei einem sofortigen Emissionsstop würde die Durchschnittstemperatur noch um ein Grad steigen, dennoch hofft die Weltgemeinschaft laut Klimakonferenz in Paris, den Anstieg ab 2050 auf zwei Grad reduzieren zu können. Allerdings tun sich die Staaten bei der Selbstbeschränkung schwer, bislang ist noch nicht einmal der Gipfel des Anstiegs erreicht, geschweige denn überschritten. Ab drei Grad Erwärmung steht aber durch Abschmelzen des Polareises in der Arktis ein Anstieg der Meeresspiegel um bis zu einem Meter zur Debatte. Das brächte massive Schwierigkeiten und vermutlich Migrationsbewegungen aus den niedrigen Küstenregionen wie Fiji-Inseln, Bangladesh oder Niederlande mit sich, dafür könnte man dann „entspannt um den Nordpol paddeln.“

Biodiversität als Warnlampe

Da, wo der Mensch Land verbraucht, sterben spezialisierte Tier- und Pflanzenarten aus, das gilt für den Bau von Autobahnen genauso wie für die Anlage von Plantagen im Regenwald. Aber auch die Umweltverschmutzung steuert ihren Teil dazu bei, dass heute schon eine deutliche Reduktion der Insekten in Deutschland zu spüren ist, wie jedermann an seiner Windschutzscheibe ablesen kann.. Natürlich beginnt ein solches Sterben erst einmal mit der Abnahme der Individuenzahl, dann aber verschwinden ganze Arten. Derzeit liegt die Aussterberate zwischen 100- und 1.000fach höher als normal, das kommt schon in die Nähe der großen Massensterben wie zum Beispiel dem Ende der Dinosaurier. Und: „Das Verschwinden nimmt exponentiell zu!“

Obwohl noch jährlich rund 10.000 neue Arten weltweit entdeckt werden (etwa 250 davon durch Senckenberg-Forscher), ist die „Vielfalt des Lebens auf allen natürlichen Hierarchieebenen“ bedroht, was besonders schwer wiegt, da hier das Wissen um die Zusammenhänge im ökologischen System oft noch fehlt. Ein Beispiel mag aber deutlich die Gefahr signalisieren: Wenn weiter Insekten aussterben, fehlen die Bestäuber für fast alle Vitaminlieferanten auf der menschlichen Speisekarte – bereits heute bieten erste Firmen die Bestäubung durch Arbeiter an oder reisen mit Bienenvölkern im LKW zu den Obstbauern. Durch Zuchtwahl der Landwirtschaft sind auch schon 75 Prozent der früheren Nutzpflanzen ausgestorben, die vielleicht einen Klimawandel besser überstehen könnten ...

„Ökosysteme bieten Service für uns“, direkten wie Versorgung mit Brennholz, Nahrung, Sauerstoff aber auch indirekten, wie Reinhaltung von Luft und Wasser. Laut einer Schätzung ist diese globale Dienstleistung 130 Billionen US-Dollar pro Jahr wert: „Das Gleiche, was wir Menschen produzieren, liefert die Natur noch einmal“, aber gratis.

Menschlicher Geist gefordert

„Wir verlassen den sicheren Betriebszustand – für die Menschen, nicht für die Erde“, so die Warnung im allgemeinen Bezug, doch zunächst verlassen Betroffene ihre Region, in der sie nicht mehr leben können, denn die Evolution kennt neben Anpassen oder Aussterben auch noch die Migration. So zählt Umweltzerstörung längst zum größeren Anlass für Fluchtbewegungen als Kriege, die Natur spielt also eine elementare Rolle bis ins soziale Gefüge.

Gehirne, die eine schwere Entscheidung wie Auswandern treffen können, sind aber auch zu anderen Reaktionen auf Umweltprobleme fähig, so haben bislang einige Innovationen zumindest den Kraftstoffverbrauch bei Fahrzeugen gesenkt oder die FCKW erfolgreich vom Ozonloch fern gehalten. „Grundsätzlich ist Harmonie nicht kreativ“, im Gegenteil, „Katastrophen setzen Innovationen in Gang“, sieht Professor Mosbrugger einen Hoffnungsschimmer am Horizont – wenn er denn nur nicht zu spät kommt. Besondere Chancen räumt der Wissenschaftler dem „Geo-engineering“ ein, das als „Medizin der Erde“ mit der modernen Medizin vergleicht und ihm eine ähnliche Karriere vorhersagt. Es gebe schon einige nützliche Werkzeuge, doch muss noch viel beobachtet werden, um das System zu verstehen. Gesund leben kann man nur in einer gesunden Umgebung, also gehört eine globale Ethik geschaffen, vielleicht sogar eine Weltregierung?

„Wir sind am Anfang, aber auf dem Weg und den muss man auch gehen!“ Wenn es der Krone der Schöpfung diesmal nicht gelingt, endlich klug und vorausschauend zu handeln, könnte es ihr gehen wie den Dinosauriern, denn die Evolution auf der Erde funktioniert auch ein bisschen wie ein Computer: „Zurücksetzen auf Null und es geht von vorne los“, nur eben mit anderen Organismen. Irgendwie passt diese naturwissenschaftliche Erkenntnis übrigens mit der biblischen Apokalypse zusammen, die den Menschen ein völlig anderes Leben im kommenden Reich Gottes prophezeit ...

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