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General „Moustache“ Custine beendet die Belagerung des Rathauses

Dr. Mark Scheibe (links, während einer Führung im Rathaus) arbeitete die „Expedition Custine“ mit Ausstellung, Führungen, Vortrag und einem Kolloquium auf. Bildmitte im Hintergrund: General Custine mit dem stolzen „Moustache“.
Foto: Friedel

Königstein (hhf) – Diesmal war es nur eine historische Ausstellung, aber im Jahr 1792 hätte der Abzug von General Custine im Rathaus größte Erleichterung hervorgerufen. Trotz der Parole „Friede den Hütten – Krieg den Palästen“ hatten der französische General und seine revolutionären Truppen es nämlich auch auf den Besitz der kleinen Leute abgesehen, rund 20.000 Mann wollten schließlich ernährt sein.

Dazu kam die Hoffnung auf Kriegsbeute, denn die Besoldung war wie auch die übrige Versorgung miserabel, so miserabel, dass die Soldaten in zeitgenössischen Quellen immer wieder als zerlumpt beschrieben werden. Dank ebenso mangelhafter Hygiene ließen sie gerne allerlei Krankheiten als Souvenir zurück, wenn sie dort, wo es nichts mehr zu holen gab, wieder abzogen.

Der Freiheitsschwindler

Ein begehrtes Ziel der „Expedition Custine“, wie der zunächst erfolgreiche, aber nicht sehr nachhaltige Feldzug des früh vom Adligen zum Revolutionstruppenführer mutierten Grafen von Lothringen in die Rhein-Main-Region bezeichnet wurde, waren die Rathäuser, hier gab es Münzgeld – nur das akzeptierten seine Soldaten – oder die Gelegenheit, Waren gegen Bares zu versteigern. Keine Frage, dass diese Form von Raub und Erpressung in der deutschen Bevölkerung nicht gerade Begeisterung für die Ideen der Revolution auslöste. Im Fall der freien Reichsstadt Frankfurt, deren Bürger sich zuvor sehr wohl ein Leben ohne vorgesetzten Adel und dessen Handelsbarrieren vorstellen konnten, ist der Sinneswandel angesichts leerer Stadtkassen überliefert, und bald nannte man den Revolutionsgeneral einen „Freiheitsschwindler“.

Ende unter der Guillotine

Mit der Freiheit hatte es aber bald auch für Schnurrbartträger Custine ein Ende, denn die hessischen und preußischen Truppen kamen von Westerwald und Wetterau in starker Überzahl und stellten wenigstens die Rheingrenze wieder her. Nach der verlorenen Schlacht von Valmy hatten sie sich neu formiert und wendeten nun das Blatt. Custine hatte nämlich davon profitiert, dass er während der bedeutenden Schlacht im Elsass stationiert war und zog – ohne Befehl – über die „Pfaffenstraße“ nach Mainz und dann über den Rhein, während diese Gegend weitgehend ungeschützt war.

Erst nachträglich hatte er sich die Aktion, die ihm wohl den nötigen Ruhm für eine Beförderung einbringen sollte, von Paris absegnen lassen, so kam die Mission „Friede den Hütten – Krieg den Palästen“ erst zustande. Statt einer Beförderung aber brachte sie dem Heerführer später das Todesurteil ein, „wegen Erfolglosigkeit“. Auch sein Sohn starb auf dem Schafott, womit das Erbe der Familie an den Staat fiel.

Thema bekannt?

„Was hier war, fehlt in den Schulbüchern“, deshalb widmet Dr. Dr. Mark Scheibe seine Freizeit der Aufarbeitung der Folgen der französischen Revolution in unserer Gegend. Seit seiner Schulzeit an der BNS beschäftigt er sich mit dem Schinderhannes, der nur in den Wirren der Kriegszeiten so lange ungeschoren davon kommen konnte.

Von dessen Lebenslauf aus, den Scheibe als Jurist aus den historischen Strafakten heraus neu beleuchtete – was ihm den einen Doktortitel einbrachte – entwickelte sich das Interesse am Hintergrundgeschehen weiter, so dass er als Mitgründer die Stiftung „Historische Kommission für die Rheinlande 1789-1815“ ins Leben rief und nun in diesem weiter gesteckten Rahmen aktiv ist. Besonders gerne vermittelt er sein Wissen als Anhänger der „Reenactment“-Szene in zeitgenössischen Uniformen, ebenso oft wühlt er sich durch alte Protokolle, Quellen, die er manchmal als erster in der Hand hat, nachdem sie im Archiv gelandet sind.

Wilde Zeiten – wer ist im Recht?

Als Jurist hat Mark Scheibe natürlich auch ein besonderes Auge auf die sehr verworrene Rechtslage der bedeutsamen Geschehnisse, es vermischen sich ständig Kriegs- und Zivilrecht mehrerer Staaten und innerhalb des revolutionären Frankreich ändert sich ständig etwas. Das betrifft auch die derzeit bundesweit in den Fokus gerückten „ersten Demokraten“ in der Mainzer Republik, die freilich nur 15 Tage existiert hatte. Danach landeten etliche der dortigen Akteure in Königstein als Häftlinge in der Festung.

Ob diese nun unschuldige Verfechter demokratischer Freiheit waren, oder im Ringen um eine nichtmonarchische Regierungsform – unter Zeitdruck, da die preußische Rückeroberung der Stadt Mainz sich abzeichnete – sich nicht an möglicherweise geltende Gesetze hielten, ist umstritten, das konnte man auch im Königstein des 21. Jahrhunderts spüren. Immerhin berufen sich hier viele auf die Vergangenheit als Gefängnis der ersten Demokraten, was besonders Christoph Schlott intensiv vermittelt. Da kann die Behauptung, diese Leute hätten ein Pogrom wie erst wieder im Dritten Reich geschehen, angeordnet, nicht einfach hingenommen werden.

Dementsprechend geteilte Meinungen haben auch etliche Leserbriefe zum Inhalt gehabt, die sich – wie der von Andrea Schmitt - entweder mit den historischen Inhalten auseinandergesetzt haben oder –zum Beispiel Gabi Klempert – vor allem darüber ärgerten, dass ein Kolloquium mit nur 30 Zuschauern schon „voll besetzt“ war.

Die Materie bleibt auf jeden Fall spannend, es ist zu hoffen, dass ein fruchtbarer Disput unter Gelehrten weiterhin der historischen Wahrheit näherkommt. Vorläufig ist General Custine mit seiner Ausstellung aus dem Rathaus wieder ausgezogen, auf weitere Informationen und Vorträge darf man hoffen.

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