Stehende Ovationen für „Frau Luna“

Gute Stimmung auf dem Mond (v. l.): Witwe Pusebach (Natalie Franken), Fritz Steppke (Peter Steffan), Wilhelm Pannecke (Carsten Höfer), Karl Lämmermeier (Michael Meiners), Mondgroom (Stephanie Theuss-Bruder) und Stella (Irene Kuhne). Foto: bg

Oberusel (bg). Die Premiere von „Frau Luna“ war ein rauschender Erfolg. Die Begeisterungsstürme in der Taunushalle wollten kein Ende nehmen. Das gesamte Ensemble der Musikschule Oberursel hatte mit einem beispiellosen Einsatz ein Gesamtkunstwerk auf die Beine gestellt, das absolute Bewunderung verdient.

Um es gleich vorweg zu nehmen, die Halle war ausverkauft und jedem der dabei war, wird dieser Theaterabend unvergesslich bleiben. Zum triumphalen Abschluss, zum Sahnehäubchen standen Solisten und Chorsänger auf der Bühne, schmetterten vereint und gegeneinander mitreißend „Die Berliner Luft“ und besangen gleichzeitig hinreißend schön die „Schlösser, die im Monde liegen“, als genialen Schlussakkord. Danach brachen Beifallstürme und Bravo-Rufe in der Taunushalle los, die nicht enden wollten. Zum Schluss stand die gesamte Mannschaft auf der Bühne, den wunderbaren Regisseur Frank Günther hatten sie in die Mitte genommen. Alle ließen sich zu Recht feiern. Einziger Wertmutstropfen der begeisterten Zuschauer, diese Inszenierung wird leider nur noch einmal aufgeführt, und diese Aufführung ist auch schon ausverkauft.

Die schmissige Musik von Paul Lincke, darunter echte Gassenhauer und Ohrwürmer, eingebettet in die zukunftsgewandte Handlung aus der Feder von Heinz Bolten-Baeckers, die um den Menschheitstraum vom Fliegen und der Reise auf den fernen, so oft besungenen Mond kreist, alles das wurde überzeugend und mitreißend dargestellt von einem Ensemble, das im Lauf der Probezeit sich zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammengefunden hat. Die Mitglieder waren an der gesamten Produktion beteiligt als Darsteller und Sänger auf der Bühne, bei der Organisation, der Maske, der Kostüme, der Technik, beim Bühnenbild und beim Bühnenbau. Alles Marke „Selbstgemacht“, aber vom Feinsten wie auch das zauberhafte Plakat mit der auf der Mondscheibe sitzenden, neckischen Frau Luna, entworfen von Frauke Gerlach.

Mondelfen begrüßen Gäste

Erstmals beteiligte sich die Musikschule, die seit ihrer Gründung vor mehr als 25 Jahren über 2000 Schüler unterrichtet, an den Schultheatertagen. In einer Pressekonferenz Anfang des Jahres stellte sie ihr ambitioniertes Projekt vor, eine Operette als eigene Produktion auf die Bühne zu bringen. Die Auswahl war auf „Frau Luna“ gefallen, weil nach Meinung von Regisseur Frank Günther gerade diese Operette, die auch nach 120 Jahren nichts an Aktualität verloren hat, für fortgeschrittene Schüler gut singbar ist – als Solisten und im Chor.

Empfangen wurden die Gäste bereits vor dem Halleneingang von staubwedelnden Mondelfen. Sie steckten in weißen Latzhosen, denn auf dem Erdtrabanten gab es in der klugen, feinsinnigen Inszenierung von Frank Günther das Leben der Schickeria in Luxus und Glamour und daneben die Arbeitselfen. Sie hielten auch in der Taunushalle Hausputz, schwangen ihre Besen und Staubwedel.

Der Regisseur hat in seine Inszenierung sozialkritische Ansätze eingearbeitet, sehr dezent, aber aussagekräftig. Der pfiffige Fritz Steppke (Peter Steffan) will nicht nur auf den Mond reisen, sondern damit auch Geld verdienen. Dort könnte man doch Wohnungen bauen, wo doch die Wohnungsnot so groß ist, erklärt er seiner Marie. Bei „Frau Luna“ versucht der Steppke, den Menschheitstraum von der Reise zum Mond in die Realität umzusetzen. Als Mechaniker tüffelt er in seiner kleinen, armseligen Dachkammer an einem Expressballon und will damit auf den Mond fahren. Er hat eine kleine Erbschaft gemacht und sein ganzes Geld in das Projekt gesteckt. Mit von der Partie seine Freunde Karl Lämmermeier (Michael Meiners), ein Schneider der gerne auch Verse schmiedet, und Wilhelm Pannecke (Carsten Höfer), Steuerbeamter a.D.

Verdienter Szenenapplaus

Marie, die Verlobte von Fritz hält nichts von dem Projekt. Sie warnt ihn mit dem bekannten Titel „Schlösser, die im Monde liegen, bringen Kummer lieber Schatz“. Ganz selbstbewusst trägt Sabrina Kuhne diesen Ohrwurm vor. Seine Vermieterin Frau Pusebach (Natalie Franken), die Tante von Marie, ist ebenfalls strikt dagegen. Die resolute Berliner Pflanze hat ein Auge auf Pannecke geworfen und will mit allen Mitteln verhindern, dass er ihr durch die Lappen geht, wie damals der schöne Theophil, der einfach verschwand. Sie kündigt ihrem Untermieter zum nächsten Ersten. Sie ist dem Alkohol mehr als zugetan und hier blitzt schon die Kunstfertigkeit von Frank Günthers Inszenierung auf. Wie sie sich durch das gesamte Stück – immer zum Trost die Flasche zur Hand – spielt und singt sorgte bereits bei ihrem ersten Solovortrag über den ungetreuen Theophil für Szenenapplaus.

Vom Start weg war das Publikum vom Geschehen auf der Bühne in den Bann gezogen und ging begeistert mit. Es verfolgte per Video-Einspielung, wie der Ballon abhebt und mit Frau Pusebach im Schlepptau auf dem Mond landet. Das erste Zusammentreffen der Berliner Reisegruppe mit den Mondbewohnern, allen voran dem Haushofmeister Theophil (Marcus Papp) sorgt gleich für Verwicklungen. Mit Schrecken erkennt Theophil die Witwe Pusebach wieder. Bei seinen heimlichen Ausflügen vom Mond nach Berlin mit dem Stratosphären-Ballon hat er mit ihr angebandelt. Er will sie so schnell wie möglich loswerden. Seine Stella (Irene Kuhne), Lunas Zofe, reagiert eifersüchtig, Prinz Sternschnuppe (Udo Rücker) dagegen will endlich Frau Luna (Christina Maul) erobern, die ihn schon zweimal abgewiesen hat. Aber die will wieder nichts von ihm wissen, denn sie hat sich in den Fritz verguckt. Bei den Irrungen und Wirrungen rund um die Liebe geht es auf dem Mond geradeso wie auf der Erde zu. Die Rettung für Theophil und den Prinzen: Gemeinsam hecken sie einen Plan aus und kommen so ans Ziel ihrer Wünsche, jeder Topf findet seinen passenden Deckelchen und alles löst sich in Wohlgefallen auf. Die Erdenbewohner kehren wieder wohlbehalten in ihr geliebtes Spree-Athen zurück.

Ein bisschen Steppke in Steffan

Ideen in die Tat umsetzen nach dem Motto „Gedacht, Gesagt, Getan“ – ein bisschen Fritz Steppke steckt auch in Peter Steffan. Seit Jahren ist er mit seinen „Maasgrunder Entenbrüdern“ beim närrischen Umzug in Oberursel dabei. Für ihre tollen Zugnummern, mit denen die Truppe gern die Oberurseler Lokalpolitik auf die Schippe nimmt, haben sie schon viele Preise abgeräumt. Kulissenbau, das ist sein Ding, und bei der Produktion von „Frau Luna“ fand er dafür viele Unterstützer. Die Umsetzung der gemeinsam gezimmerten Bauten auf die große Bühne der Taunushalle ist dem einfallsreichen Bühnenbauteam hervorragend gelungen. Das erste Bühnenbild: eine ärmlich eingerichtete Berliner Dachkammer mit angesetztem Balkon, über die der Expressballon schwebt. Dem standen die Mondkrater, aus denen Dampf aufstieg, und das Separee von Frau Luna in keiner Weise nach.

Das kleine, aber hochkarätig besetzte Salonorchester unter der Leitung von Hanno Lotz und dem wunderbaren Holger Pusinelli an der Geige stellte sich schon bei der Ouvertüre in Hochform vor. Die Begleitung der Solisten und des großen Chors durch gerade mal sechs Musiker war einfühlsam und immer punktgenau. Geschult durch ihren Unterricht an der Musikschule bestachen die Sänger durch ihre ausdrucksstarken Stimmen. Viele singen auch in Chören. Bei ihren Solo-Auftritten bewiesen sie ebenso schauspielerische Talente. Neben der Berliner Reisegruppe waren das die Bewohner des Monds wie der schöne Theophil, Stella, die Zofe von Frau Luna, Venus (Nathalie Kreuzer), Mars (Daniela Weiß), der Mondgroom (Stephanie Theuss-Bruder), Prinz Sternschnuppe und die Herrscherin des Monds die wunderschöne Frau Luna, eindrucksvoll dargestellt von Christina Maul.

Um den Finger gewickelt

Sie brillierte erst mit einem königlichen Auftritt und wickelte dann den Mann aus Berlin nach allen Regeln der Kunst nicht nur um den Finger: „Halb zog sie ihn, bald sank er hin“. Peter Steffan zuzusehen, wie er in die Fänge der ebenso schönen, wie betörenden Frau Luna geriet, war ein herrlicher Spaß. Die chorischen und tänzerischen Leistungen der edlen Mondbewohner, zu denen neben den Solisten auch die Götter der Planeten, die fabelhaften Tänzerinnen, die Fritz Steppke verwirrten, oder die bienenfleißigen Mondelfen gehörten, begeisterten das Publikum, immer wieder gab es Szenenapplaus. Bei dieser bemerkenswerten Inszenierung hatten sich alle Beteiligten ob vor, hinter oder auf der Bühne phantastisch ins Zeug gelegt und magische Momente aufleuchten lassen.

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