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Pfingstmontag mit dem Geist der Musik

Perspektivenwechsel: Der Chor der Johanniskirche unter der Leitung von Bernhard Zosel sang die Missa Choralis von Liszt auf der Empore, begleitet von Organist Lars-Simon Sokola. Foto: Hackel

Kronberg (aks) – Wer sich an Pfingstmontag abseits der üblichen Feierlichkeiten bei Spargel und Maibowle nach spiritueller Erleuchtung sehnte, der wurde in St. Johann am frühen Abend belohnt. An Pfingsten feiert die Kirche Geburtstag, denn die erste christliche Gemeinschaft gründete sich 50 Tage nach Ostern. Der Heilige Geist kam über die Jünger Jesus und befähigte sie, Menschen in vielen Sprachen von den Taten Gottes zu berichten, so bezeugt es Lukas im Neuen Testament. Bernhard Zosel und der Chor der Johanniskirche präsentierten Kirchenmusik von Gounod, Mendelssohn Bartholdy, Schütz, Liszt und Rutter, die zu innerer Einkehr führten und durchaus Lust machten, mitzujauchzen und Loblieder zu trällern. Dass man dies aber doch lieber dem bestens eingestimmten Chor der Johanniskirche überließ, stand außer Frage. Die vielen Sängerinnen und Sänger jubelten in allen Stimmlagen und übertrafen sich selbst mit einem anderthalbstündigen Chorprogramm, das es in sich hatte. Fröhlich eingestimmt mit Schütz (1585-1672) ging es weiter mit Mendelssohn Bartholdy, einem der bedeutendsten Musiker der Romantik (1809-1847), der selbst aus einer jüdischen Familie stammte, aber christlich erzogen wurde. Die Motette für gemischten Chor „Jauchzet dem Herrn alle Welt“ drückt Freude, Dank und feierliche Lobpreisung aus. Die anfänglich leisen Klänge schwollen zu einer gewaltigen Musik an, die niemanden unbeeindruckt ließ. In „Thema und Variationen D-Dur für Orgel solo“ bewies der junge Organist Lars-Simon Sokola seine Virtuosität, da entlockte er hauchfeine und dann wieder bebende Töne der wunderschönen Orgel, die vor 52 Jahren in die Kirche kam und in dem imposanten Gehäuse einer Stumm-Orgel von 1802 eingebettet ist. Die Legende sagt, dass Mendelssohn selbst 1844 auf dieser alten Orgel spielte, als er in Bad Soden lebte und sich in ein Mädchen aus dem Taunus verliebt hatte. Beeindruckend im Anschluss der zwölfstimmige Männerchor von St. Johann mit Gounods Pfingsthymnus aus dem Mittelalter „Veni creator spiritus“. Sein 200. Geburtstag war Zosel Anlass genug, diese sehr selten aufgeführte Kirchenmusik zu spielen. Ein besonderes Lob gilt hier dem Männerchor von St. Johann, denn erfahrungsgemäß sind singende Männer nicht so leicht zu gewinnen – schon gar nicht für sakrale Musik. St. Johann dagegen glänzte mit zwölf Sängern mit starken Stimmen, vom tönenden Bass bis zum hellen Countertenor, der dem Choral eine ganz besondere Zartheit verlieh. Die „Evocation à la Chapelle Sixtine“ ist ein Orgelsolo von Franz Liszt (1811-1886), das die Liebhaber der Kirchenmusik des 19. Jahrhunderts entzückte. Viele Klangwellen prallen da aufeinander, düstere tiefe Klänge werden immer heller, ein drohendes Echo wandelt sich zu leichten Trillern, ohne dass die Ernsthaftigkeit dieser Komposition in Frage gestellt wird. Die Anrufung der Sixtinischen Kapelle, mit dem Miserere von Allegri und dem Ave verus corpus von Mozart, die Bestandteil des Chores der Sixtinischen Kapelle waren, diente Liszt als Darstellung des Elends und der Qualen der Menschheit. Die Chormitglieder hatten sich in der Zwischenzeit auf der Empore bei der Orgel eingefunden und sangen nun bestens gestimmt und angeleitet von Bernhard Zosel die Missa Choralis, die als eine der bedeutendsten Messkompositionen des 19. Jahrhunderts gilt. Alle Sänger und Solisten vollbrachten eine musikalische Höchstleistung, um dieses Werk so dramatisch, wie es vom Komponisten 1865 nach eigenen Schicksalsschlägen gemeint war, vorzutragen. Bauchkribbeln und Gänsehaut verursachte nicht nur die Orgel mit ihrem wuchtigen Klang, sondern ein Chor, der mit einer unglaublichen Energie dieser hochkomplexen Komposition nicht nur standhielt, sondern für ein euphorisch extatisches Glücksgefühl sorgte. Noch ganz bewegt und fast benommen nahm die Kirchengemeinde John Rutters Vertonung des 96. Psalms „Cantate Domino“ aus dem 20. Jahrhundert auf, die auf Englisch „Singing to the Lord“ gesungen wurde. Diese schwungvolle und mitreißende moderne Kirchenmusik sorgte für einen weiteren Kontrast.

Die Zuhörer verließen die Kirche sichtlich bewegt, nicht wenige, gestärkt von der Botschaft Jesu, hatten ihren lebendigen Glauben erneuert, wie sich das für Pfingsten gehört.

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