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„Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bücherei vorgestellt“

Kronberg (cz) – Diese Aussage des argentinischen Schriftstellers und Bibliothekars Jorge Luis Borges hätte auch von Barbara Neubert stammen können. So hat sie doch die letzten dreißig Arbeitsjahre ihres Lebens in der Stadtbücherei stets als eine Art Paradies empfunden: „Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen und dafür bin ich sehr dankbar.“

Jetzt ist es für sie an der Zeit Abschied zu nehmen und zurückzuschauen auf eine Erfolgsgeschichte, die vor über 100 Jahren, Anfang Oktober 1896 auf Anregung von Kaiserin Victoria mit der „Volksbücherei Cronberg“ ihren Anfang nahm.

Ende April 1896 erhielt der „verehrliche Magistrat und die Versammlung der Stadtverordneten“ einen Brief des geheimen Sanitätsrates Dr. Peter Dettweiler, in dem er bittet, die Mitglieder des Magistrats „möchten ein geeignetes Lokal mit der nöhtigen Heizung und Beleuchtung anweisen und die Erstellung eines einfachen Bücherschrankes für vorläufig 500 Bände gütigst verfügen.“ 300 stellte die Kaiserin zur Verfügung.

Gesagt, getan. Und bereits nach wenigen Monaten teilt der Oberhofmarschall Baron Reischach Ihrer Majestät mit: Die neu eingerichtete Bibliothek „would not be used, but the people rushed for the books.“

Der Geist Kaiserin Victorias bildet bis heute das Herz des Konzepts der Stadtbücherei.

„Sie war unter anderem Malerin, Kunstmäzenin, geschichtlich und wissenschaftlich gebildet, interessiert und engagiert, eine ihrer Zeit weit vorausdenkende Frau. Ihrer visionären Sichtweise, der Fähigkeit, diese Visionen weiterzuentwickeln und voranzutreiben, fühlen wir uns heute noch verpflichtet“, so Barbara Neubert.

Der Bestand vermehrte sich im Laufe der Zeit und stets fanden sich in all den Jahren ehrenamtliche Helfer, die den Betrieb am Laufen hielten.

Im Mai 1980 schließlich, nach zahlreichen Ortswechseln, bezog die Stadtbücherei ihre Räume in der Receptur unter der Leitung von Inge Schulz. Zehn Jahre später, Anfang April, übernahm die gelernte Diplom-Bibliothekarin Barbara Neubert, die gerade mit Mann und drei Kindern in die Burgstadt gezogen war, dieses Amt, zunächst auf ehrenamtlicher Basis, doch schon bald als volle Kraft. „Damit war ich in der 100-jährigen Geschichte der Stadtbücherei die erste fest angestellte Bibliothekarin“, erinnert sich Barbara Neubert.

1992 eröffnete die Stadtbücherei zudem auf dem Oberhöchstädter Dalles eine Dependance, eine damals übrigens politisch recht umstrittene Entscheidung.

Mit immerhin 1500 Medien ging es los, neben Büchern, Zeitschriften und Kassetten wurden auch Computerspiele angeboten, was wiederum zu einem Aufschrei im Magistrat führte und Kritiker veranlasste, zukünftig eine zweckgebundene Vergabe der finanziellen Mittel zu fordern, was aber letztendlich nicht umgesetzt wurde. Zwei Mal pro Woche fand neben zahlreichen Veranstaltungen und Lesungen die Ausleihe statt, unterstützt von Ehrenamtlichen und Schülern, dennoch nahm der Zuspruch im Laufe der Jahre ab. Inzwischen gibt es im neuen Dalles-Gebäude die KinderBuchKiste, die vierzehntägig gepackt wird, begleitet von verschiedenen Veranstaltungen, wie den beliebten Kistengeschichten für Kinder ab vier.

Auf 75 Quadratmetern verfügte die Bücherei in der Receptur anfänglich über 9.000 Medien. Barbara Neubert damals nach ihrem größten Wunsch befragt, antwortete: „Umzug der Stadtbücherei in größere Räume.“

Bis dahin sollte jedoch noch einige Zeit ins Land gehen. Zeit, in der Barbara Neubert und ihr jeweiliges Team beileibe nicht untätig waren. Bekannte Autoren wie Joachim Fest, Urs Widmer, Eva Demski, Roger Willemsen, Fritz Rau, Wilhelm Schmidt und der damals noch nicht so bekannten Nele Neuhaus holte sie unters Dach der Bücherei. Oder die zwei Ausstellungen Literatur-(tat)-Ort Kronberg, bei der sich in der Burgstadt lebende und schreibende Bürger präsentierten. Zahllose Ausstellungen, Vorträge, Flohmärkte und die beliebten Ferienprogramme runden bis heute das reichhaltige und sich stets den gesellschaftlichen Veränderungen anpassende Angebot ab.

Zur Jahrtausendwende bewegte sich schließlich etwas und die Umzugspläne der Stadtbücherei konkretisierten sich. Zunächst war die Villa Winter im Gespräch. Nach einer Wahl und veränderten politischen Mehrheiten beheimatete man dort jedoch das Jugendhaus, bis schließlich das alte Postgebäude umgebaut wurde und 2003 Barbara Neubert und ihr Team, mittlerweile drei volle Stellen, endlich die alle Träume übertreffenden 500 Quadratmeter beziehen konnten.

„Das war ein Quantensprung“, erinnert sich die Bibliothekarin noch heute mit leuchtenden Augen. „Wir konnten endlich lang gehegte Ideen verwirklichen und unser Sortiment erweitern.

Wir – das sind übrigens Daniela Barbu, die stellvertretende Leiterin, Dorothe Starke, die Ansprechpartnerin für Schulen und Kindergärten sowie Kolja Giershausen, der vor einem Jahr seine Ausbildung zum Fachangestellten für Medien-und Informationsdienste begonnen hat.

„Ohne sie wäre das alles nichts geworden“, so die scheidende Chefin. „Meine tollen Mitarbeiter; Sie sind ideenreich, mitgestaltend und äußerst tatkräftig – ein wirklich perfektes Team!“

Neben dem Klassiker-Buch bietet die Stadtbücherei Musik-CDs, Hörbücher, DVDs, CD-ROMs und Spiele, insgesamt 26.000 Medien und 70 Zeitschriftenabonnements, die je nach Kundenwunsch bestellt werden. Sechs PCs stehen zur Verfügung, der Besucher kann sich aber auch mit seinem eigenen Gerät ins WLAN einloggen. Drei mobile Nintendo Switch-Konsolen und zehn Tablets vervollkommnen das attraktive Angebot für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Eingeteilt in verschiedene Lese- und Arbeitszonen kann hier in Ruhe gelesen, gearbeitet und gestöbert werden, gerne auch bei einer leckeren Tasse Kaffee!

Der stetig steigende Einfluss der Digitalisierung auf unser Leben macht natürlich auch vor den Türen einer Bibliothek nicht Halt, ganz im Gegenteil, wenn das auch mancher nicht nachvollziehen kann.

So stieß die Einrichtung einer Gaming Zone Anfang Oktober nicht nur auf Begeisterung, nach dem Motto: Kinder stünden schon genug unter dem Einfluss digitaler Reize, warum das dann auch noch ausgerechnet in einer Bibliothek?

Barbara Neubert ist da anderer Meinung. „Die Auswahl der Spiele geschah unter der Zuhilfenahme verschiedenster Experten und ist keineswegs wahllos. Außerdem gehört für mich zur Lesekompetenz nicht nur das Lesen von Büchern, sondern auch das Verstehen und der souveräne Umgang mit digitalen Medien.“ Natürlich sind die Spielzeiten begrenzt und es wird darauf geachtet, dass die Kinder nur Spiele mit entsprechenden Altersfreigabe nutzen. Außerdem benötigen Jugendliche eine schriftliche Einverständniserklärung ihrer Eltern.

Von den bescheidenen Anfängen in der Receptur hat sich die Stadtbücherei mittlerweile zu einer der modernsten Büchereien im Rhein-Main-Gebiet gemausert, was, wie Barbara Neubert betont, vor allem durch die Unterstützung durch Sponsoren und Spender möglich wurde, wie der Liselott und Klaus Rheinberger-Stiftung und dem Freundeskreis der Stadtbücherei, der seit 2012 alle Aktivitäten tatkräftig unterstützt. Doch erst die Menschen, die Ideen und Visionen haben, hauchen einem solchen Ort Leben ein und das ist Barbara Neubert gelungen.

Wie sagt der amerikanische Stadtsoziologe Ray Oldenburg mit seiner „Theorie des dritten Ortes“ so treffend: „Menschen brauchen nicht nur ihr Zuhause und ihren Arbeitsplatz, sondern einen dritten Ort, wo sich Menschen treffen und kommunizieren können.“ Zu diesen Orten zählen definitiv auch Bibliotheken!

Nach ihrer offiziellen Verabschiedung am 1. November „komme ich Freitag noch mal zum Aufräumen“, lacht Barbara Neubert und dann verreist sie erst einmal in den hohen Norden nach Skagen mit dänischer Literatur im Gepäck. „Es ist so schön, wieder einmal mit Muße Klassiker lesen zu können, ohne eine Bestsellerliste im Genick.“

Für Barbara Neubert heißt es jetzt Abschied nehmen.
Foto: Zitzewitz

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