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Internationales Festival der Kleinkunst bot ganz unterschiedliche Kulturhappen – für jeden war etwas dabei

Kronberg (mw) – Dr. Ingrid Ehrhardt, künstlerische Leiterin des Museums Kronberger Malerkolonie, gefiel es, den großen Umzug des Museums und der Kunstschule in die Villa Winter, gemeistert, zur Kronberger Kulturnacht nun einmal ganz entspannt auf der Seite der Gäste zu stehen: Sie war eine von den zahlreich erschienenen Kulturfreunden, die vergangene Samstagnacht die Einladung des Kronberger Kulturkreises zum Internationalen Festival der Kleinkunst genutzt hatte, um sich mit einer Freundin ein paar entspannte Stunden im Zeichen der Kunst und Kultur zu machen. Dass der Frankfurter Mundartdichter und Satiriker Friedrich Stoltze (1816-1891) durch Michael Quast im Museum Kronberger Malerkolonie an diesem Abend wahrhaftig neu entdeckt werden konnte, gefiel ihr ebenfalls sehr gut, wie sie verriet. Schließlich passte der begnadete Poet, der den feinen Humor genauso beherrscht wie die derbe Pointe, wunderbar in die Zeit der Frankfurter Maler, die es aus dem Atelier hinaus nach Kronberg zog, um im Freien vor ihren Motiven zu arbeiten. So ganz frei in ihrer Rolle als Besucherin war sie allerdings nur so lange, bis der eine oder andere Besucher – es drängten viele zu Michael Quasts „Stoltze für alle!“ in die Villa Winter – ihrer Überzeugung nach viel zu nah an die Wände und die kostbaren Bilder aus der Zeit der Kronberger Malerkolonie rückten. „Ich musste natürlich die Bilder ,beschützen‘, gesteht sie.

Der Kleinkunstabend war äußerst vielseitig. Er bot die ganze Bandbreite an Kleinkunst und das an vielen verschiedenen Orten. So kamen die Programmpunkte auch beim Publikum ganz unterschiedlich an: „Medlz a cappella“ beispielsweise, die vier Frauen aus Dresden, hatten sich in ihrem „Heimspiel“-Programm der deutschen Sprache verschrieben und sangen Poplieder genauso wie Schlager. Ihre Experimente, Songtexte eines Interpreten (bsp. von den Ärzten) auf die Melodie eines Udo Jürgens-Liedes zu singen, gefiel nicht allen Zuhörerinnen und Zuhörern, andere wiederum konnten nicht genug von den vier Damen bekommen und kamen zu später Stunde noch einmal in die Kirche zurück, um ihrem „Heimspiel“ zu lauschen. Mit ihrer Version von „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ eines der bekanntesten Lieder von Marlene Dietrich, nicht das einzige Stück, das sie wirklich ausgesprochen gekonnt intonierten, berührten die High-Heel-Damen schließlich doch sehr viele Herzen in der gut gefüllten katholischen Kirche St. Peter und Paul. Dagegen bot die von Dekanatskantor Bernhard Zosel mit der Mezzosopranistin Josephine Rösener gebotene „Hommage à Bernstein“ in der Johanniskirche wohl die schwerere, aber durchaus spannende Kost. Noch ungewöhnlicher und so gar kein „Main-Stream“, dafür meditativ entspannend, war die „Kammermusikalische Weltmusik im Wappensaal der Burg mit dem Pianisten Matthias Frey, dem Cellisten und Violinisten Christopher Herrmann und dem Dudukspieler Ragged William. Fernöstliche Klänge waren zu vernehmen, Walgesänge vom Cello zu hören und Vogelstimmen schienen aus dem Urwald kommen, unterwegs auf einer Reise um die Welt... Äußerst experimentell, dabei aber nicht anstrengend, war dieses Eintauchen in das Fest der Klänge und instrumentaler Geschichten, das die drei Musiker hier in Begegnung ihrer Instrumente miteinander woben: Dabei wurde nicht nur das Cello perkussiv angeschlagen, sondern auch das Klavier gespielt und gezupft!

Nach diesem außergewöhnlichen Hörgenuss war beim Wortkünstler Marcus Jeroch, der mit Worten und Bällen tobte, erhöhte Konzentration gefragt, um dem Wortsinn, genauso wie Wort-Unsinn in irrer Geschwindigkeit vorgetragen, überhaupt folgen zu können. Ebenso rasant ging es bei den beiden Artisten von „Circus Katoen“ aus Belgien in der Zehntscheune zu. Die jungen Artisten mimten ein junges Pärchen, das zusammenzieht. Feinfühlig, liebevoll und äußerst kreativ in der Umsetzung, spielten sie, die akrobatischen Höchstleistungen fast schon unauffällig in das Geschehen integrierend, was Zusammenleben bedeutet: Eine Balance finden, Grenzen ausloten, dem anderen Raum gewähren, seinen Platz finden. Für alles – im Innen und Außen musste eine Ordnung gefunden werden, nicht nur für die Topfpflanze. Es war eine liebevoll inszenierte und sehr kreative Schau mit vielen rasant wechselnden Bildern, in dem sich durch die beiden immer wieder aufs Neue gestaltenden Raum: Dazu brauchten die beiden einzig und allein ein paar Baumscheiben und Bretter, Hölzer und sich selbst – am liebsten sich quer durch das Zimmer nachstellend!“ Wer sich an diesem bunten Abend für den Recepturkeller und Sabine Fischmann entschied, bekam eine ordentliche Dosis intellektueller Prosa: Schauspielerisch intensiv, las und interpretierte Fischmann die Liedtexte der Rodgau Monotones: Und die waren gar nicht so lustig, wie vielleicht gedacht, sondern stimmten eher nachdenklich und mitunter sogar depressiv. Da hatten die Fotografien des Kamera Klub Kronberg, die in der Adlerstraße in den Räumen des Internationalen Clubs gezeigt wurden und sich mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der drei Ortsteile auseinandersetzten, eindeutig die aufhellendere Wirkung.

Ganz und gar glücklich machte in dieser Kulturnacht der Autor und Kabarettist Bernd Gieseking seine Besucher in der Stadtbücherei. Wer sich dachte, das Thema: „Älterwerden der Eltern, das habe ich schon jeden Tag, das brauche ich nicht noch zur Unterhaltung am Abend!“, der verpasste 30 Minuten rührende und zugleich ausgesprochen humorvolle Minuten. Es war eine Begegnung mit Giesekings Eltern (und den eigenen), die er in den Kombi packte, um mit ihnen noch einmal gemeinsam eine Tour zu machen. Und in deren Garten er ein Wohnmobil stellte, um vor Ort zu sein und seinem Vater nach dessen Sturz einen Sommer lang unter die Arme zu greifen. Hart aber herzlich geht es bei seinen Eltern zu: „Sorgen haben sie beide, aber viel reden tun sie darüber nicht! Und wenn doch, dann mit mir, nicht miteinander“, plauderte Gieseking aus dem Nähkästchen. Seine Mutter hätte zu seiner Begrüßung Folgendes verkündet: „Ich hoffe wir müssen nicht in die Kur, wenn Du wieder weg bist“. Und als Gieseking seinen Eltern eines Tages verkündet, über seine Erlebnisse mit ihm schreiben zu wollen, meinten sie trocken: „Das bisschen, was Du hier in dem Sommer gemacht hast, das passt aber auf eine Seite!“ Giesekings Erzählungen über seine Eltern, ihren Humor, mit dem sie ihre „Malaisen“ meistern, hätte man noch viel länger lauschen können, so lustig und herzerwärmend waren sie. Doch auch eine Kulturnacht ist leider irgendwann einmal zu Ende.

Beziehungskrise
Fotos: Westenberger

„Medlz a cappella“sangen in St. Peter und Paul

Schau mal was ich kann! Die Artisten von Circus Katoen“ aus Belgien mimten ein junges Pärchen, das gerade zusammenzieht.

Wort- und Ballkünstler Marcus Jeroch bei seinem Auftritt im Terracottasaal auf der Burg.

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