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Hessischer Kabarettpreis ohne roten Teppich aber mit hoher Wortkunst

v.l.n.r.: Die Preisträger des Hessischen Kabarettpreises Max Uthoff, Lisa Eckhart, Aydin Isik mit Moderator Severin Groebner, ebenfalls Kabarettist. Fotos Westenberger

Kronberg (mw) – Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah: Was Kultur betrifft, hatte die Burgstadt die vergangenen Tage Einiges zu bieten, für das es sich lohnte, den Fernseher auszulassen und das Auto stehen zu lassen. Unmittelbar vor der eigenen Haustür waren die Kulturangebote reich gesät: mit dem Wandelkonzert der Kronberg Academy (siehe weiteren Bericht in dieser Ausgabe), der Museumseröffnung (Museum Kronberger Malerkolonie), mit interessanten Ausstellungen in den Kronberger Galerien und allem voran mit hochkarätigem Kabarett zum 50. Jubiläum des Kronberger Kulturkreises: Beinahe unbemerkt und ohne roten Teppich traten am Mittwoch die Vier für den Hessischen Kabarettpreis Nominierten in den „Kronberger Lichtspielen“ gegeneinander an: Musik-Kabarettist Matthias Reuter, Aydin Isik mit Theater-Kabarett, das Duo Lieblingsfarbe Schokolode, Poetry-Slammer Julian Heun, die 30 Minuten hatten sie am Mittwochabend, ihr Publikum von sich zu überzeugen. Am Donnerstagabend wurde im gut besuchten Kinosaal die vier hessischen Preise unter Beisein von Bürgermeister Klaus Temmen übergeben.

Und so waren in Kronberg an zwei Abenden eine Vielzahl an Sprachkünstlern zu Gast, jeder auf seine Art, die ihr Publikum verblüfften, wachrüttelten, schockierten und amüsierten. Was doch alles möglich ist allein mit Worten, Mimik und Musik. Die Macht der Worte – die Waffe aller Pazifisten, wie der Moderator sie nannte – sie war an beiden Abenden präsent. Worte, die Mut machen, anstiften, sich nicht treiben zu lassen wie ein Heer von Lemmingen, sondern den Worten Taten für eine funktionierende Gesellschaft folgen zu lassen. Was hier an zwei Tagen auf die Bühne kam, bot eine solch große Vielfalt von politischem Kabarett bis bissiger Satire, allerfeinstem Musik-Kabarett bis tief verstörender Gesellschaftskritik, vor allem aber Wortakrobatik, die den Zuhörern viel Spaß bereitete.

Publikumspreis an Matthias Reuter

Bei dieser Bandbreite an Darbietungen war es für die Kabarett-Gäste, die selbst den Publikumspreis zu vergeben hatten, gar nicht einfach, sich für einen Kandidaten zu entscheiden. „Sie waren alle so unterschiedlich, aber jeder auf seiner Weise gut“, so Stimmen aus dem Publikum. Am Ende stimmten die Saalgäste für Matthias Reuter, der am Preisverleihungsabend dann, nach kurzer Laudatio durch den Kronberger Jürgen Ottenburger, den Anfang machte: Keine zwei Minuten lang dauerte es und er hatte sein Publikum bei seinen mit Keyboard vortrefflich untermalten Geschichten für sich gewonnen: Egal ob er aus seinem eigenen Leben sang oder von seiner ihm das Leben immer wieder erleichternden Haftpflichtversicherung, von den Kita-Kindern, die EU spielen oder von ungewöhnlichen Maßnahmen zur Kindererziehung nach Beobachtung einer Familie auf einer Busfahrt zum Besten gab: Sein Humor kam an und seine Geschichten unterhielten – selbst wenn es dem Ruhrpott-Gewächs nur darum gehen sollte, zu erklären, dass man zu einem ordentlichen Wiesn‘-Fest – „aus einem blau-weißen Bembel saufen das kann ich in Gelsenkirchen jeden Tag“ – nicht nach München reisen muss. Jürgen Ottenburger hatte es, wie er später verriet, vor allem Reuters Beitrag über „Rentnerfischen im Hallenbad angetan: Der Beitrag über Reuters ungewöhnliches Hobby setze nämlich voraus, dass es im Publikum auch Rentner mit Humor geben muss. Und die gab es, keine Frage.

Jurypreis an Adyin Isik

Es folgte der Jurypreis. Die Jurymitglieder mit Pia Bluhm von der Piazza Vellmar, Jör-Michael Simmer von der Kulturscheune Herborn, Michael Glebocki vom Fresche Keller Nidda, Eva-Maria Magel von der FAZ, Rainer Dachselt vom Hessischen Rundfunk, Martin Sonntag von der Caricatura Kassel und Harry Thyssen von Thyssen Entertainment hatten sich für Aydin Isik entschieden. Die Laudation brachte auf den Punkt, was Adin Isik anschließend auf die Bühne brachte: Politisches Kabarett und Religionskritik, Letzeres ist bekanntermaßen äußerst schwierig in der Umsetzung. Aydin Isik sei es gelungen, seine Religionskritik in einer Art und Weise zu gestalten, dass sie einfach „nicht angreifbar“ sei. Sensibel und bissig zugleich, weist er in seinem „Bevor der Messias kommt“-Programm, mit dem er bereits in Kronberg gastierte, darauf hin, dass die drei großen Weltreligionen eigentlich die gleiche Geschichte erzählen würden. Und bei allen der Messias komme und die Welt rette. Allerdings fragte er sich, was noch zu retten sei: „Seien wir doch mal ehrlich, dass Einzige woran wir noch glauben, ist doch das Besitztum.“ Trotzdem setzte er sich mit der Schöpfungsgeschichte mit Adam und Eva und der Schuldfrage noch einmal auseinander und spielte Abraham, der mit Gott sprach. „Der muss wohl schizophren gewesen sein, bildete sich ständig ein, Gott würde mit ihm reden.“ Gerade hatte man sich auf seinen intelligenten Witz eingelassen und war seinem Charme erlegen, stimmte er ein Lied ein über die im Mittelmeer ertrinkenden Flüchtlinge an. Das Lachen erstarb – Totenstille im Kinosaal. Aydin dazu: „Tja, die Stimmung ist jetzt wohl voll am Arsch.“ Da nun müsse das Publikum durch. Und schon ging es im Schnellgalopp weiter: Indem er in die Rolle eines „erfolgreich integrierten jugendlichen Migranten“ schlüpfte, der Goethes Erlkönig auf seine ganz eigene Art und Weise interpretierte, machte er unmissverständlich klar, wie durchgeknallt Lehrer sein müssen, die „dieses voll krasse Gedicht“ mit „Aufruf zu Gewalt“ ihren Schülern zu Gehör bringen würden.

Förderpreis für Lisa Eckhart aus

Österreich

Mit Spannung erwartet worden waren auch die Österreicherin Lisa Eckhart, die den Förderpreis „Grie Soß“ erhielt und Max Uthoff, die aus dem ZDF-Fernsehen aus „Neues aus der Anstalt“ bekannte und anerkannte Kabarettgröße. Beide hielten an diesem Abend wofür sie stehen – was nicht unbedingt mit geliebt werden gleichzusetzen ist:

Die 25-jährige Lisa Eckhart, eine Senkrechtstarterin ist Provokateurin par exellence und scheint kein Tabuthema zu kennen. Maltretierend stellte sie wortbildnerisch exhaltiert zur Schau, was sich kaum einer traut, im stillen Kämmerlein zu denken und wenn, damit ganz sicher nicht auf die Bühne gehen würde.

Sie penetriert ihr Publikum – und das nicht nur, wenn sie detailreich davon träumt, worauf sie „käme“, wenn sie ein Mann sei, legt Heuchelei und Hedomismus offen, seziert mit Lust an der Verstörung den Menschen bis in seine letzte Schicht. Ob Glaube, Liebe, Politik, sie verrät jeden Trick und nimmt einem jede Illusion, bis sie mit ihrer schnellen Wortakrobatik und schwarzen Humor Ansichten vertritt, bei denen die Zuschauer nicht wissen ob sie lachen oder lieber doch weghören wollen, weil sie Schmerzen zufügt bei ihrer Unterhaltung.

Ganz anders war der Auftritt von Max Uthoff, der politische Themen bissig satirisch, ohne Rücksicht auf Verluste zusammenfasst, interpretiert, neu verpackt. Politisches Kabarett, das uns hinter die Kulissen blicken lässt, das Spaß macht an der Reibung mit den Themen. Nach einem ironischen Schnelldurchlauf durch die neue Regierung – mit der der Unterhaltungswert der Politik ungeheuerlich gestiegen sei – machte er sich auch den einen oder anderen Gedanken über Kronberg. Am Bahnhof angekommen, hatte er bei der Großbaustelle in dieser Kleinstadt, über die er sich maßlos wunderte, sogleich eine ganz bitterböse Idee: „Vielleicht baut ihr Euch eine Innenstadt?“

Und für die Ausrichter des Hessischen Kabarettpreises, dem Fresche Keller und dem Kronberger Kulturkreis, hatte er ein echt kabarettistisches Dankeschön im Gepäck: Er verlas die Bedeutung des mit 3.000 Euro datierten Hessischen Kabarettpreises nach „google“-Befragung. „Ahle Worscht“ – lautete nämlich der Titel seines Preises. Und wenn das „nahe gesamte Schwein noch schlachtwarm mittelgrob mit dem Fleischwolf zerkleinert wird und die zerkleinerte „Wurstmasse in großkalibrige Mitteldärme oder in atmungsaktive, wasser- und dampfdurchlässige sowie elastische Kunstdärme“ gefüllt wird, tja, was einem da auf jeden Fall vergeht, bei dieser minutiösen Beschreibung, das ist der Appetit.

Die Lust aber auf mehr so intelligent und schonungslos dargebotenes Kabarett – selten so hautnah zu erleben wie in den Kronberger Lichtspielen in der vergangenen Woche – die bleibt.

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