Erntedankfest im „Hafen der Archen“

Wie so oft ist es den Kleingärtnern im „stillen Hain“ auch in diesem Jahr wieder gelungen, einen prachtvollen Erntealtar mit liebevollen Details zusammenzustellen – trotz Wasserknappheit im Sommer sind sie zutiefst dankbar für ihre „Bodenschätze“(oben). Auch die Gärten selbst präsentierten sich zum Festtermin im beginnenden Herbst noch in voller Blütenpracht (unten). Fotos: Friedel

Königstein (hhf) – „Wir pflügen und wir streuen / den Samen auf das Land, / doch Wachstum und Gedeihen / steht in des Himmels Hand ...“ Das Lied ist vielen gut bekannt, oft schon aus dem Kindergottesdienst. Für die Kleingärtner ist es auch ein Stück Alltag – besonders, da Gott erst später angesprochen wird. Ungeachtet des Glaubens kann jeder freimütig unterschreiben, dass der Himmel, also das Wetter, das letzte Wort hat, erst der richtige Wechsel zwischen Sonne und Regen zur richtigen Zeit beschert dem fleißigen Bauern die dicken Karotten.

Klimawandel fällt auf

Wenn das Wetter sich aber langfristig ändert, dann spricht man von einem Klimawandel – und der fällt den Kleingärtnern allmählich auf, als eine jahrelange Veränderung in ihren Arbeitsabläufen. Das ist etwas anderes als ein, zwei schlechte Jahre – der alttestamentarische Israelit hätte sich nun gefragt, womit er seinen Gott wohl verärgert haben könnte, der moderne Landmann hat dagegen längst kapiert, dass er die studierten Propheten aus der Klimaforschung ernst nehmen sollte.

Daneben ist es eine gute Tradition, dem Herrn und Schöpfer für die Ernte zu danken, im jährlichen Wechsel zwischen katholisch und evangelisch pflegen die Kleingärtner schon lange die Ökumene, ja eigentlich das Multikulti, denn eingeladen sind zum Erntedankfest immer alle Freunde und Interessenten, die private Religion spielt keine Rolle, unter dem Wetter-Himmel sind eben alle vereint. Und da der mitunter zum Erntedank nicht ganz gnädig ist, hat man sich ein großes Zelt gekauft, mit Sturmsicherung.

Kenntnisse aus dem Pfarrgarten

Vielleicht wird irgendwann auch mal ein Imam oder ein Rabbi hier das Wort zum Obst- und Gemüsetag ergreifen – wichtig ist eigentlich nur, dass er die Zuhörer zum Nachdenken bringt oder neue Ideen im Gepäck hat. Das ist in diesem Jahr Katharina Stoodt-Neuschäfer, der Pfarrerin der evangelischen Immanuelgemeinde, in hohem Maße gelungen, sicherlich auch, weil sie als Bewirtschafterin des Pfarrgartens selbst über gärtnerische Fachkenntnisse verfügt: „Meine Kräuter und die Bäume habe ich gegossen, der Rest war verdorrt – aber jetzt ist alles wieder grün.“

Neue Dimension des Erntedankfestes

Die Pfarrerin wandert aber auch gerne und hat dabei einen wachen Blick auf die Natur: „Das Erntedankfest hat für mich eine neue Dimension bekommen – der Klimawandel hat uns voll erwischt...“ Dennoch darf man sich am Erntedankfest auch freuen, dazu vielleicht etwas inne halten und etwas nachdenklich sein.

Gut 70 Zuhörer hatten sich auf diese Gefühlsmischung eingelassen (dazu noch einige mehr vor dem Zelt), priesen den Schöpfer singend „mit Herz und Mund“ oder hörten den Psalm 36, der die Gedanken hin zu Gott lenkt, der satt macht. Pünktlich zur predigtlichen Feststellung „dieses Jahr hat allen klar gemacht, dass das Klima die Welt ändert“ rüttelten die ersten Sturmböen am großen Zelt, so heftig, dass ein Pfosten am Eingang abhob und einige Kinder mit gutem Zureden von ihren Fluchtgedanken abgebracht werden mussten. Und die Pfarrerin berichtete aus der kirchlichen Praxis, dass dort nur „mikroskopische Äpfel“ auf dem Altar lagen und man zukaufen musste.

Ein Spinner rettet das Leben

Eine der bekanntesten Geschichten aus der Bibel ist die von der Arche Noah, die Menschen und Tiere vor der Sintflut rettet. Genaugenommen rettet der Herr Noah alle, da er als einziger Mensch nicht bosartig und gewinnsüchtig war. Die anderen erklärten ihn zum Spinner, weil er auf die Zeichen des Himmels hörte, dann werden sie mit ihrer verpfuschten Umwelt vernichtet.

Im Einklang mit Gott fangen Noah und seine Familie ein neues Leben an und der Herr des Himmels kommt ihnen mit einer geregelten Ordnung von Frost und Hitze, Saat und Ernte sowie Nacht und Tag entgegen. Nachzulesen im ersten Buch Mose (Genesis, also die Entstehung), Kapitel acht.

Arche auf dem Trockenen

Während vor dem Zelt frierende Bienen neben wärmende Kaffeetassen gesetzt wurden und ein Eichhörnchen fröhlich die unbewachten Gärten plünderte, fragte sich drin so mancher, was denn wohl die Sintflut mit den trockenen Sommern zu tun haben könnte. Noah habe etwas getan, als er merkte, dass die Welt um ihn herum auf eine Katastrophe zusteuerte, läutete Katharina Stoodt-Neuschäfer die Wende ein, es wurde deutlich, dass sich für heutige Menschen ein ähnlicher Handlungsauftrag ergibt.

„Streifen toter Bäume im Wald neben der B 8, vertrocknete Landschaft auf dem Bangert – und dazwischen kleine grüne Gärten. Da ist das Leben, es sind kleine Archen auf dem Meer der Trockenheit“, natürlich nicht durch illegales Bewässern sondern durch naturgerechten Umgang mit den Ressourcen und die Rückbesinnung auf einheimische, widerstandsfähige Pflanzen. Und hier, in der Kleingartenanlage, wo diese lebensrettenden Gärten dicht an dicht nebeneinander liegen, da ist eben der „Hafen der Archen“ – in dem übrigens auch Frau Noah ihre gleichberechtigte Rolle wahrnimmt.

Aus den Gärten in die Welt

„Wir retten jetzt nicht Tiere, sondern Pflanzen“, Bäume bekommen Paten und sogar Wassersäcke wie Schulkinder ihre Soft-Drinks. „Alle packen an, dass gelingt, was Gott will“, gerade hier bei den Schrebergärtnern, wo auch viele Kinder unterwegs sind, um deren Zukunft es vor allem geht. Und von hier aus geht der Blick ins Globale – Rettung ist noch möglich, wenn man – christlich formuliert – an der Seite Gottes bleibt, um mit ihm zusammen seine Schöpfung zu retten.

Nun, immer mehr Menschen spüren zumindest, dass sie mit der Natur Hand in Hand für deren Erhaltung kämpfen müssen – so klingt es religionsfrei – und dass sie sich dafür auch mit mächtigen Vertretern der wirtschaftlichen Unvernunft sowie deren politischen Unterstützern anlegen müssen. Aber es gehört auch dazu, sich selbst zu prüfen, Verhalten zu ändern und eigene kleine Schritte in die richtige Richtung zu tun.

Feiern stärkt Gemeinschaft

Um etwas tun zu können, ist aber Gemeinschaft wichtig, und die darf gefeiert werden, auch in schlechten Zeiten, das gibt Mut und im Gespräch entstehen neue Ideen. Und so schlecht stehen die Zeichen für ein mehrheitliches Umdenken derzeit ja auch nicht.

Folgerichtig steuerten die Kleingärtner, die sich schon lange genug ernste Gedanken um die Umwelt machen, den weltlichen Teil zur geistlichen Erbauung bei und das routiniert mit ebenso großem Einsatz wie Erfolg. Angefangen bei Doris und Lothar Vogt, die den Erntealtar dekoriert hatten (die historische Gerätschaften hatte Detlef Bock aus seinem Fundus vom Wertstoffhof beigesteuert) bis zum Festausschuss, der vom Zeltaufbau bis zum Grill- und Zapfstand alles im Griff hatte.

Erbsenzähler

Vorrangig die Damen des Vereins hatten sich um das Kuchenbuffet und die Beilagensalate gekümmert, während man den Spüldienst in der neu eingerichteten Küche des Vereinsheims gleichberechtigt geschlechterneutral versah. Und so wurde es vor allem dank der fröhlichen Musik von Heinz Eichhorn und seiner Heimorgel ein langer, fröhlicher Nachmittag, an dem auch die wichtigen Gespräche nicht zu kurz gekommen sind. Dabei konnte es dann schon einmal passieren, dass Gartennachbarn sich im direkten Vergleich die geernteten Erbsen gegenseitig vorzählten – zum Glück reichten dafür aber die finger einer Hand allein nicht aus.

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