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Apfelkuchen von Anna Seghers

Mammolshain (aks) – Wie geht das zusammen: Das siebte Kreuz, der weltberühmte Roman aus dem Hitlerdeutschland von Anna Seghers und Apfelkuchen am Samstagnachmittag? Die Antwort übernimmt ein hochkarätiges literarisches Quintett im Mammolshainer Dorfgemeinschaftshaus und folgt in sorgfältig von Angelika Fuchs ausgewählten Textpassagen den Spuren der jüdischen Schriftstellerin im Taunus, wo sie selbst mit ihrer Familie Erholung suchte. Als Nachlese zu „Frankfurt liest ein Buch“, wie sich diese Veranstaltung nennt.

„Das siebte Kreuz“ erzählt die Tragödie von sieben Flüchtlingen, denen die Flucht aus dem Konzentrationslager Westhofen bei Worms gelingt. Aus sieben gekappten Platanen werden dort Folterkreuze für die sieben geflohenen Häftlinge vorbereitet. Sechs der Männer müssen ihren Ausbruchsversuch mit dem Leben bezahlen. Das siebte Kreuz aber bleibt frei. Es ist die dramatische Geschichte einer Flucht vor den Nazis, durchdrungen von Seghers’ eigenen Fluchterfahrungen. Diesen Roman schrieb sie 1942 auf ihrer Flucht vor den Nazis in Paris. „Ein Roman gegen Diktatur schlechthin“, so das Urteil des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki.

Sommerferien in Königstein

An diesem heißen Samstagnachmittag im Dorfgemeinschaftshaus, das aus allen Nähten platzt, geht es nicht um die Nazi-Gräuel, wie „das siebte Kreuz“ vermuten lässt, sondern um die Naturschönheiten des Taunus, „den sanften waldreichen Hängen“, wie es Anna Seghers beschreibt, die viele Sommer in den 20er-Jahren mit ihrem Vater Isidor Reiling, Kunsthändler aus Mainz, und ihrer Mutter im Grand Hotel Königstein, der heutigen KVB-Klinik und später 1930 mit den Kindern in der Pension von Elisabeth Brühl der „Villa Marnet“ verlebte. Königstein war ein begehrter Ort für die Sommerfrische, viele Frankfurter, darunter viele jüdische Familien waren unter den ersten Touristen. Ein Spaziergang führte sie sicher auch zum nahe gelegenen Hardtbergturm, der jetzt neu aufgebaut werden soll, auch dank der Spenden dieses literarischen Nachmittags.

Die Idylle des Taunus ist in den 40er-Jahren allerdings trügerisch, zu viele atmosphärische Störungen durch die Nazi-Herrschaft werden auch im Alltag spürbar, besonders tief empfunden vom Protagonisten Franz Marnet aus Schneidhain, ein hoch sensibler junger Mann, der das Unrecht und die Gewalt dieser Zeit verdrängt so gut er kann und der sich um ein normales Leben bemüht.

Fabrikarbeiter und Schäfer

Er ist kein aktiver Widerstandskämpfer, er geht einer Arbeit nach und wohnt bei seinen Verwandten, den Obstbauern. Jeden Tag fährt er mit dem Fahrrad zu den Farbwerken Höchst – wie tausend andere auch. „Etwas ist passiert – etwas liegt in der Luft“, das spürt Marnet. Er erfährt von der Flucht seines besten Freundes – seines „einzigen“ – Georg Heisler, aus dem Konzentrationslager, der als Anti-Faschist verurteilt wurde. Eine Flucht, die im Taunus beginnt und nur für Georg glücklich endet.

In seiner Dachstube verbringt Franz eine schlaflose Nacht und reflektiert „die schönste Zeit seines Lebens“. Auf seinem Weg zur Frühschicht begegnet er dem Schäfer Mangold, der stolz Haltung annimmt. Ein Außenseiter, der Respekt verdient: „Zäh und unausrottbar wie Träume.“ Steht er wirklich so da, wird Olav Velte gefragt, der den ersten Block sehr lebendig und gefühlvoll liest.

Velte ist nicht nur Journalist und Dichter, sondern auch Schäfer, der sich um eine kleine Herde Schafe im Familienbesitz in Wehrheim kümmert. Er merkt an, dass Schäfer sich immer außerhalb der Gesellschaft befanden, sie lebten draußen mit ihren Hunden und Schafen. Ja, er könnte mit seiner starken Gesinnung wie ein Standbild ausgesehen haben, für Zauderer war in der Natur kein Platz. Heute gibt es in Königstein noch die Familie Haug, die Schafzucht betreibt. Insgesamt seien die Herden aber stark geschrumpft. Velte bedauert das sehr: „Ein Kulturgut, das zurück geht.

Lesung mit verteilten Rollen

Die Seghersche Taunus-Idylle, die im Fest der Apfelernte gipfelt, ist also nicht sonnig und heiter. Dunkle Wolken lauern nicht nur am Himmel und so spiegelt das Apfelkuchenessen bei der Familie Marnet mit den unterschiedlichsten Gästen, meisterhaft in „verteilten Rollen“ gelesen von Katharina Fertsch-Röver, die gesellschaftliche Katastrophe im Kleinen. Ein „ganzes Volk“ sitzt nach der Apfelernte gemeinsam am Tisch der Obstbauern, in lauem Frieden vereint durch den köstlichen frisch gebackenen Apfelkuchen. Nazi-Schergen der SA und SS frönen ebenso ihrer Lust an der süßen Leckerei wie die Schwester Anastasia der Ursulinen. „Apfelkuchen bleibt Apfelkuchen“.

Man plaudert über dies und das und stichelt über den Laden der Familie Katzenstein in der Hauptstraße (in Königstein), in dem es nun keinen Kattun mehr zu kaufen gibt, weil sie als Juden den Laden schließen mussten. „Eine Sarah weniger“, sagt der SS-Mann feixend am Tisch. Dabei ist die Nonne stolz, dass die Tochter Katzenstein auf ihrer Schule war. Franz Marnet treibt die Sorge um Georg um, darf dies aber nicht zeigen. Nur Herrmann vertraut er sich an mit der bangen Frage: „Ist er gerettet?“ „Noch nicht“, lautet die Antwort.

Stolpersteine für Romanfiguren

Beate Großmann-Hofmann, die Königsteiner Stadtarchivarin, die fleißig in den heimischen Hinterlassenschaften gestöbert hat, und schon zu Beginn herausfand, dass Anna Seghers und Familie zu den Logiergästen im Grand Hotel Königstein gehörten, erklärt dem Publikum, dass es Henny Katzenstein und den Laden der Eltern in Königstein wirklich gegeben hat. Ein Stolperstein in der Hauptstraße erinnert an die junge Jüdin, die in die USA emigrieren konnte.

Sie war auch tatsächlich Schülerin des Ursulinen-Stifts, der seit 1884 existiert und auch Mädchen anderer Konfessionen aufnahm. In den 20er-Jahren gingen dort sogar Jungs in die Schule, wie der Enkel des Erbauers der Villa Rothschild, Alexis. 1940 wurde diese Institution von den Nazis geschlossen, 35 Schwestern mussten diesen Ort verlassen. 1945 wurde sie wieder eröffnet und ist bis heute eine angesehene Privatschule in Königstein.

Alles in allem eine vergnügliche Lesung mit dem Duft von Apfelkuchen, aber gleichzeitig eine Warnung gegen das dumpfe Mitlaufen und ein Appell zu mehr Zivilcourage: „Jetzt sind wir hier. Was jetzt geschieht, geschieht uns.“

Mit besonderer Vorliebe für Apfelkuchen: (von links) Hans-Dieter Hartwich, Ortsvorsteher Mammolshain, Beate Großmann-Hofmann, Fachdienst Kultur und Stadtarchivarin der Stadt Königstein, Katharina Fertsch-Röver mit Schwester Hadwiga Fertsch-Röver von hr2-Kultur, dazwischen Olav Velte, Autor und Taunus-Schäfer, ganz rechts Angelika Fuchs.
Foto: Sura

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