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„Die Ostkirche hat dem Wort das Bild zur Seite gestellt“

Der Künstler und seine Werke: Horst-Dieter Mennigmann erklärte unter anderem die Bedeutung von „Der Evangelist Lukas malt die Gottesmutter“ und „Skopiotissa“.Foto: Friedel

Königstein (hhf) – Wo Bücher sind, sind auch Bilder nicht weit und so hat die Stadtbibliothek wieder einmal einen ganz besonderen Referenten für einen Vortrag, sogar mit einer kleinen Ausstellung, gefunden. Mit Horst-Dieter Mennigmann stellte Bibliotheksleiterin Simone Hesse zwar einen „Ikonenmaler aus Königstein“ vor, der aber zuvor ein gänzlich anderes Leben geführt hatte. Bis zu seiner Emeritierung 1993 unterrichtete und erforschte Professor Dr. Horst-Dieter Mennigmann an der Universität Frankfurt Mikrobiologie, wobei er auch mit Astronauten von ESA und NASA zusammenarbeitete. Nach einem solch intensiven Arbeitsleben hatte der Ruheständler nach einem erfüllenden Hobby gesucht und war über Buchmalerei zu den Ikonen gekommen. Hier reizte ihn nach der Theorie schnell auch die Praxis, so dass er sich zum anerkannten Ikonenmaler ausbilden ließ.

Allein dieser Ruf bescherte ihm eine mit rund 60 Zuhörern gut gefüllte erste Etage in der Stadtbibliothek, wo er unter der Überschrift „Ikonen – gemalte Worte, geschriebene Bilder“ in die Welt der Kultbilder orthodoxer Christen einführte.

Glaube sinnlich erfahren

„Die Ostkirche hat dem Wort das Bild zur Seite gestellt“, das bedeutet, dass neben dem biblischen Wort auch dem Bild göttliche Wahrheit zukommt, eine Theologie, die sich stark an den antiken Religionen orientiert. In alten Zeiten musste einer Götterstatue (und auch dem Abbild eines Kaisers) derselbe Respekt entgegengebracht werden wie der Person selbst, ein Brauch, der sich gewissermaßen bis in „Wilhelm Tell“ fortsetzt.

Natürlich setzen auch die westlichen Kirchen seit Alters her auf die sinnliche Erfahrung des Glaubens durch religiöse Bilder, doch haben diese eher den Sinn, an Personen oder Ereignisse zu erinnern. Die auf sehr alten Wurzeln gründenden orthodoxen Christen, gerne auch als „Ostkirche“ zusammengefasst, sehen ihre Ikonen – ähnlich der Wandlung von Brot und Wein in der katholischen Kirche – als eine wahrhafte Vergegenwärtigung der dargestellten Personen, was sich natürlich in einem ganzen Regelwerk zu deren Herstellung niederschlägt. Es kann sogar der gesamte Heilsplan Gottes gegenwärtig werden, wenn eine Bilderwand (ein Ikonostat) die entsprechende Zusammensetzung hat oder gar die ganze Kirche ausgemalt ist. Einzelne Ikonen können eine besondere liturgische Bedeutung haben, manche dienen aber auch nur der „Ausschmückung“ des Gotteshauses. Letztendlich kann aber auch eine einzelne Ikone in nahezu unzählige Kleinbilder unterteilt sein, wenn etwa in einer Jahresikone alle Heiligen aufgezählt werden. Im Gesamtwerk „Das letzte Gericht“ rollen sogar Engel im Hintergrund das Firmament auf, das nun ja nicht mehr gebraucht wird.

Mumienporträts

Auf der Suche nach der Herkunft der Ikonen fällt eine alte Maltechnik mit heißem Wachs auf, die lange Zeit nur in warmen Ländern praktiziert werden konnte. Auf diese Weise entstanden Mumienportraits, Bilder der Verstorbenen, die der Mumie beigegeben wurden. Alte Ikonen sind mitunter in derselben Technik entstanden, hauptsächlich wird aber mit üblichen Farben gemalt, die freilich nach besonderem Rezept hergestellt werden – nur Gold wird stets als Blattgold verwendet. Es geht aber auch ohne Pinsel, so können auch Goldstickereien, Bronzestatuen und sogar Elfenbeinreliefs zu Ikonen geweiht werden. Bei der „halbplastischen“ Darstellung endet dann aber die künstlerische Freiheit, denn der Hintergrund gehört immer zu einer Ikone dazu und verweist auf das Jenseitige, mit dem der Betrachter in Berührung kommt. Um dessen Blick ins Ziel zu steuern, werden auch einzelne Elemente in vermeintlich falscher Perspektive dargestellt, Bücher und Tische scheinen zum Beispiel nach hinten schmaler zu werden. Eine Parallele zu diesem Blick ins Jenseits sieht Horst-Dieter Mennigmann im Vaterunser, wenn dort um die Teilhabe am Reich Gottes schon jetzt gebeten wird.

Bildnisse von Gott?

Wie auch in der westlichen Kirche besteht bei der Ikonenmalerei grundsätzlich die Schwierigkeit, nicht mit den Zehn Geboten in Konflikt zu geraten, die eindeutig besagen: „Du sollst dir kein Bildnis machen“ von Gott. Tatsächlich gibt es einige wenige Ausnahmen, in denen ein alter Mann („der Alte der Tage“) Gott als Vater darstellt, eine Taube kann für den Heiligen Geist stehen, wenn die Trinität dargestellt werden soll. Grundsätzlich sind Ikonen daher Christusbilder, denn Gott ist als Sohn fleischlich geworden und darf als Mensch Jesus abgebildet werden. Folglich ist der Heiland auf einer Vielzahl der „Botschaften der sichtbar gewordenen Liebe Gottes“ zu sehen, aber auch die Gottesmutter genießt besondere Verehrung, seit sie 431 auf dem Konzil von Ephesus in den Rang einer heidnischen Muttergottheit erhoben worden ist. Dazu kommen schließlich Propheten, Apostel, Märtyrer und Heilige, die ebenfalls in der Ostkirche verehrt werden.

Würde kommt vom Urbild

Wenn Ikonen für orthodoxe Gläubige sogar Handlungskraft besitzen, zum Beispiel im Krieg als Schutzfunktion auf die Stadtmauer gestellt werden, wird deutlich, dass es strenge Regeln zu ihrer Herstellung geben muss – wie eine Reliquie bezeugt die Ikone die Anwesenheit der Person. Grundsätzlich werden sie wie eine Kerzenflamme, die andere Kerzen entzündet, nicht kopiert, sondern immer wieder von einer Ur-Ikone abgemalt, die ihrerseits das nicht von menschlicher Hand geschaffene Original abbildet. Der Künstler signiert dabei in tiefer Demut sein Werk im Normalfall nicht und dem Trend moderner Ikonenmaler, einen eigenen Stil einzubringen, steht die Fachwelt eher kritisch gegenüber.

Eine typische Ikone entsteht zunächst als Umrisszeichnung auf einer mit Kreideuntergrund versehenen Holztafel, die eventuell ein tieferes Malfeld besitzt, so dass ein Rahmen entsteht. Zuerst wird Blattgold aufgebracht, das als Metall der Sonne, die alles Leben schafft, Gottes Licht in die Welt hinausstrahlt. Teilweise nur mit einzelnen Pinselborsten werden dann die Farben aufgetragen, stets in der Reihenfolge vom Dunkel zum Licht. Jede Farbe hat ihre besondere Aussage, daher gibt es keine Schatten und klare Trennlinien. Ausnahmen gibt es zum Beispiel in Gesichtern, wo die Farbschattierungen lückenlos ineinander übergehen können. Unverzichtbar ist schließlich auch eine Beschriftung, die allerdings in Zierschrift und speziellen Abkürzungen gehalten wird.

Nach einer intensiven Fragenrunde beendete Horst-Dieter Mennigmann zwar seinen Vortrag, setzte die Unterhaltungen aber im Rahmen der Eröffnung einer kleinen Ausstellung mit seinen Ikonen im Erdgeschoss fort. Nach den theoretischen Ausführungen wurden sie natürlich nun mit besonderen Augen betrachtet und eine wichtige Frage musste noch beantwortet werden: Die Ausstellungsstücke sind keine geweihten Ikonen, sie entsprechen aber allen Kriterien, die ein orthodoxer Bischof dazu bräuchte.

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