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Der Lotse ging von Bord

Ein Bild wie aus dem Urlaub, doch den muss Hermann-Josef Lenerz (Bildmitte, mit Radio und Krawatte) künftig nicht mehr beantragen. Bei strahlendem Sonnenschein verabschiedeten ihn die Kolleginnen und Kollegen von der Stadtverwaltung zum Monatsbeginn in den Ruhestand, doch sein roter VW Käfer wird ihn noch oft nach Königstein bringen. Man beachte die Aufstellung der kleinen Gruppe, nicht der Größe nach, sondern die Köpfe folgen der Kontur der Taunusberge...

Foto: Friedel

Königstein
(hhf) – Er war eigentlich immer da, fest mit dem Rathaus verwurzelt, hat unzählige KönigsteinerInnen von Kindesbeinen an ganz persönlich betreut und war auch immer – über 40 Jahre – für die Eltern und Großeltern zuständig, lange Zeit als Leiter des Jugend- und Sozialamts, noch heute als „Amt 50“ ein historischer Begriff.

Nun aber ist das Unvorstellbare passiert: Hermann-Josef Lenerz ist seit 1. Juni Rentner, sein Büro leergeräumt und kein VW-Käfer leuchtet mehr auf dem Dienstparkplatz vor dem Rathaus. Daran müssen sich nun viele erst gewöhnen, auch die Kolleginnen und Kollegen im Rathaus. Für sie stand seine Tür immer offen, und zwar ab Dienstbeginn, denn „HJL“ ist Frühaufsteher und genoss die morgendliche Ruhe, um den Arbeitstag anlaufen zu lassen.

Selten krank, aber oft auf Dienstreise

In seinen 40 Dienstjahren war er auch nur zwei Mal krank – einmal drei, einmal vier Tage – allerdings nahmen die Überstunden kontinuierlich zu, so dass man sich dann doch auf gewisse Phasen der Abwesenheit einstellen musste. Aber auch das war nur ein inhaltlicher Übergang, denn wer Ferienfreizeiten organisiert und leitet, ist naturgemäß öfter auf „Dienstreise“.

Beinahe wäre „He-Jo“ allerdings schon sehr früh wieder aus Königstein abgereist, einer neuen Arbeitsstelle entgegen, denn die Stelle entsprach zunächst so gar nicht seinen Erwartungen. Mit 24 Jahren hatte der Bub aus der Eifel der Liebe wegen einen Arbeitsplatz in der Nähe des Main-Taunus-Kreises gesucht, allerdings wollte der frisch examinierte Erziehungswissenschaftler anderes als Schreibtischarbeit erledigen. Da kam die Einstellung als Jugendpfleger – etwas ganz Neues in Königstein – gerade recht.

Allerdings landete der motivierte junge Mann dann doch bald in der Verwaltung, denn mit der Jugend war es 1977 nicht so gelaufen, wie die Stadt es sich gedacht hatte. Nach reichlich Schwierigkeiten mit dem autonomen Jugendzentrum in der alten Post – heute Firmensitz von Reiss und Sohn in der Adelheidstraße – wurde das Gebäude schließlich geräumt und geschlossen. Nun war die „Jugend“ – besser die jungen Erwachsenen – zwar noch da, aber von Seiten der Stadt erst einmal abgehakt.

Schlechter Start

Also wurde Hermann-Josef Lenerz einerseits mit Verwaltungsaufgaben betraut, durfte sich andererseits aber auch zwischen die Stühle von erbosten Politikern und ebenso verstimmten Jungbürgern setzen, um hier das Fundament für eine versöhnliche Zukunft zu schaffen. Besonders unangenehm dabei: Das von oben eigentlich schon versprochene Jugendhaus ließ länger auf sich warten, als das Vertrauen der jungen Leute anhielt.

Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass Lenerz 1979 ein Zwischenzeugnis anforderte, um sich damit woanders zu bewerben – parallel dazu arbeitete er aber engagiert auf eine Lösung des hiesigen Problems hin und hatte letztendlich auch Erfolg. Damit wurde nicht nur das Leben in Königstein wieder angenehmer für ihn, sondern er hatte auch Freunde auf beiden Seiten gewonnen, die ihm bis heute die Treue halten.

Vor allem mit Hilfe der Mitglieder der „Aktion Kinderspielplätze“ organisierte der Jugendpfleger nun endlich seinen Bereich, vom Jugendhaus bis zu den Ferienfreizeiten und die jüngeren Kinder – bzw. deren Eltern – bekamen für die Sommerzeit Betreuungsangebote in Königstein.

Auch privat lief alles bestens, Ehefrau Maria zeigte Verständnis für die regelmäßigen Abwesenheitszeiten an Nachmittagen und Abenden, wenn Sitzungen, Vereinstreffen oder Großaktionen der Jugendpflege anstanden, wie zum Beispiel das Open-Air-Rockkonzert auf der Burg. Dafür nahm der Vater seine zwei Kinder auch immer wieder mit nach Königstein, wo sie besonders auf Jugendfahrten eigene Freundschaften schlossen. Doch das ist lange her, Hermann-Josef Lenerz ist längst mehrfacher Großvater und nimmt diese Rolle auch aktiv wahr.

Aktiv wuchs er auch in sein Amt 50 weiter hinein und trat die Nachfolge an, als Amtsleiterin Leni Alter in den Ruhestand ging. Sie saß damals, im Rathaus am Kapuzinerplatz, noch hinter einer Schiebetür, durch die man vieles hören konnte, was im Büro davor geschah...

Während über die Jugendarbeit auch der Kontakt mit den Vereinen intensiver wurde, tat sich auch im Verwaltungsbereich einiges, dem HJL nun weniger kritisch gegenüberstand als in seinen jungen Jahren. Inzwischen hatte er gelernt, dass man auch hier einiges bewegen kann, wenn man sich mit den Regeln vertraut macht und verlässliche Freunde in den verschiedensten Gremien hat – man vertraute ihm nun endgültig.

Ob Kindergarten und Hortplanung, Sozialstation oder Seniorenwohnanlage, Bauwesen oder Personalfragen, alles ging über seinen schreibtisch, und da legte er auch Wert drauf, was gelegentlich schon mal den Unmut seiner Mitarbeiter erregen konnte – aber der Laden lief eben so hervorragend, wovon wiederum alle profitieren konnten.

Unvorhergesehenes wie plötzliche Zuteilung von Asylsuchenden durch die Kreisverwaltung, zum Beispiel 1980, Wegfall der Zivildienststellen oder Fall der Mauer und damit freier Weg in die Partnerstadt Königstein an der Elbe konnte stets aufgefangen werden, die Jugendarbeit wuchs beständig in neue Bereiche hinein und änderte sich natürlich auch mit der Zeit – sei es Einführung von Streetworkern und Suchtprävention, sei es die Abschaffung der Ferienspiele, die nun dezentral zum Beispiel von den Betreuungszentren an den Grundschulen angeboten werden.

Die letzte große Umstellung kam mit der Neuordnung der Fachbereiche in der Stadtverwaltung, wobei der inzwischen zum wahren Fuchs für interne Angelegenheiten avancierte Leiter des Fachbereiches Soziales erstmalig anfing, sich persönlich etwas ersetzbarer zu machen – den 60. Geburtstag hatte er da schon gefeiert. Im Gegenzug nutzte er die frei gewordene Zeit, um auch in anderen Fachbereichen auszuhelfen und organisierte immer wieder mit großem Spaß Sonderaktionen, zum Beispiel die Erstürmung der Festung durch preußische Truppen mit Dr. Mark Scheibe.

Das letzte halbe Dienstjahr zog es den Pädagogen schließlich an den Kaltenborn, einerseits gab es in Sachen Flüchtlingsunterbringung hier viel zu tun, andererseits bereitete er die Kolleginnen und Kollegen im Rathaus nun deutlich darauf vor, dass er bald nicht mehr kurzfristig zu erreichen sein wird.

Allerdings bleibt der Übergang weiterhin fließend, denn wenn auch nicht ständig und kurzfristig, so wird Hermann-Josef natürlich regelmäßig wieder nach Königstein kommen, genug Freunde wollen hier besucht werden, und die eine oder andere Aufgabe aus dem Rathaus will er auch nicht ablehnen. Nun allerdings als Privatmann, der übrigens vor wenigen Tagen erst in einen der örtlichen Vereine eingetreten ist...

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