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Zum Erntedank das neue Zelt geweiht und gut gefüllt.

Königstein (hhf) – Was wäre das bäuerliche Jahr ohne seine Traditionen? Nun, wohl wie in vielen Agrarbetrieben unserer Zeit einfach ein Jahr voller Arbeit und Träumen von Urlaub und Urlaubsgeld. Tatsächlich wollen die Kleingärtner nicht unbedingt mit ihren großproduzierenden Ackergenossen tauschen, zeigen eher so etwas wie Mitleid für deren Abhängigkeit von Weltwirtschaft und EG-Subventionen, die schnell den Blick auf das Wetter verstellen kann. Für viele der Parzellenpächter „Im stillen Hain“ steht dagegen die Nähe zur Natur im Vordergrund und eben auch ein Stück der landwirtschaftlichen Traditionen.

Gerade deshalb ist das Erntedankfest in der Kleingartenanlage immer ein besonderer Höhepunkt und ein immer noch - wenn auch gut besuchter - Geheimtipp im Veranstaltungsprogramm der Vereine. Berühmt ist unter anderem der immer wieder prachtvoll und üppig dekorierte Altar, auf dem stets die schönsten Erzeugnisse der kleinen Gärten zu finden sind. Kein Wunder, dass angesichts der reichlichen Auswahlmöglichkeiten daneben die kircheninterne Dekoration aus manchem Pfarrgarten etwas blass ausfällt (was natürlich dem tieferen Sinn keinen Abbruch tut). Nicht ganz üblich aber die Reaktion der Kirche, die in jedem Jahr durch eine Abordnung ihres raren Personals dafür sorgt, dass die Kleingärtner ihr Dankesfest auch mit dem himmlischen Segen feiern können.

Über eine alte Verbindung zu den Pfadfindern war es in diesem Jahr gelungen, Diakon Bernd Becker aus Mainz an den Fuß des Burgberges zu holen, er hatte in seiner Zeit als Schneidhainer Seelsorger den dortigen Stamm gegründet. Zu diesem Ortsteil haben die Gartenfreunde ohnehin eine besondere Beziehung, die darauf fußt, dass Mitglied Musa Dere dort lange Zeit als beliebter „Postsorger“ die Briefe ausgetragen hat und nebenbei gerne mit fachlichen Tipps für den Vorgarten aushalf. Dass freilich manche Samen verdorren oder unter Dornen fallen, wo sie sich nicht entfalten können, konnte auch der Briefträger mit dem grünen Daumen nicht verhindern, doch steht dieses Drama schon in der Bibel beschrieben, wo an gleicher Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass die anderen dafür um so reichere Frucht tragen.

Das Gleichnis bildete die Grundlage des Wort-Gottesdienstes, der unter anderem daran erinnerte, dass auch Segen dort am besten gedeiht, wo er gepflegt wird wie ein Pfänzchen im Beet. Ohne ein „Lobet den Herrn“ will manch anderes Grün vielleicht auch nicht recht gedeihen, das ist den Gärtnern wohl bekannt, wie auch der Gläubige weiß, dass schon seit der Schöpfungsgeschichte die Erde zu bewahren ist. In dieser Übereinstimmung wurde auch das neue Zelt des Vereins, wenn es auch gewisse himmlische Ergüsse von den Menschen fernhalten soll, eingesegnet, mit Einbindung einiger Kinder sogar sehr intensiv beweihwässert. Hilfreiche Ideen gegen den Umweltfrevel boten schließlich einige Texte und Gedichte, die zum Beispiel empfahlen, wieder einmal barfuß zu gehen, um die Erde besser spüren zu können und vor allem, die kleinen Freuden des Alltags bewusster wahrzunehmen.

Gerade Letzteres gelingt im Jahreslauf des Kleingärtners besonders gut, weshalb die Anlage am „stillen Hain“ auch gerne Nichtmitgliedern zum Spazieren offensteht. Aber auch die kleinen Ärgernisse des Alltags bekommt der Hobbygärtner zu spüren, selbst jene, die weltweit noch stark ignoriert werden. Stürme haben den stillen Hain auf beinahe wundersamer Weise bislang verschont (dennoch hat das neue Zelt eine spezielle Befestigung mit Gurten gegen Wind), doch sind sich die Pflanzenfreunde einig: „Der Klimawandel ist zu spüren“. Besonders der reichliche Spätsommerregen hat einiges faulen lassen, nachdem anderes verdorrt war, aber die Ernte reicht noch, wie man sehen konnte. In naher Zukunft wird man sich aber dem Klimawandel-Folger „Buchsbaumzünsler“ geschlagen geben müssen und seine Nahrungspflanzen roden, um einem „einigermaßen pestizidfreien Anbau“ Rechnung tragen zu können.

Trotz solcher Widrigkeiten steht derzeit kein einziger Garten leer und der Vereinsvorsitzende, Lothar Vogt, freut sich besonders darüber, dass sich die Neuzugänge auch im Vereinsleben, besonders auch jetzt zum Erntedankfest, kräftig einbringen. „Damit steht und fällt alles“, so seine Erfahrung, doch die „Top-Mannschaft“ lächelt ihm während des Gesprächs noch über die Schulter, ohne dabei die Arbeit (oder den Durst des Reporters) zu vernachlässigen.

Vorneweg hatten Musa Dere und Detlef Bock als Ruheständler Tage ihrer Zeit geopfert und für den Festausschuss das Vereinsheim zum Zeltdorf ausgebaut und die anderen Helfer gut angeleitet, wenn sie stundenweise vorbeikamen. Nun strahlten die Salate auf dem Bufett bunt wie die Gärten daneben, der Grill lieferte die Fleischbeilage im Akkord und ein Stück weiter hatte man sogar die Spülmaschine vor die Tür geholt, um sie schneller und im größeren Team bedienen zu können. Wie zum Nachwürzen lag eine Knolle Knoblauch neben dem Zaziki, letzte Kuchenreste fanden gerade noch ihre Abnehmer, während Heinz Eichhorn am Synthesizer Platz nahm und das Festzelt sich unter seiner Stimmgewalt blähte. In der Dämmerung beschlich den einfühlsamen Beobachter zum ersten Mal in diesem Jahr trotz fehlendem Glühwein schon ein Hauch von Weihnachtsmarkt, doch so weit sind die Kleingärtner noch nicht: „Erst müssen die Gärten noch winterfest gemacht werden, eine Hauptarbeit“ mahnt Lothar Vogt – aber dann dürfen sich die Kleingärtner auch mal einen Winterschlaf gönnen.

Der Altar kann eigentlich gleich bis Halloween stehen bleiben... Unbeschnitzt symbolisiert der prächtige Kürbis im Kleingärtner-Zelt jedoch eindeutig den Ernte-Dank.

Foto: Friedel

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