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Die Burg im Wandel der Zeiten: Vor dem großen Stechen piken die Ritter Müll auf

Wenn die Lanzen aufeinander prallen, sind Plastikplanen oder Stromkabel nicht zu sehen, aber ohne sie kommt auch ein Ritterturnier im 21. Jahrhundert nicht aus. Für die Veranstalter bedeutet das einiges an Mehrarbeit, denn vieles muss nicht nur auf- und abgebaut werden, sondern auch noch kunstvoll bemäntelt, damit man es möglichst nicht sieht. Foto: Friedel

Königstein (hhf) – So ganz einfach ist das schon von vorneherein nicht: Unsere Burg ist ja eigentlich eine Festung, und dann reden etliche historische Quellen auch noch von einem Schloss. Heimatgeschichtlich lässt sich das freilich schnell aufklären, denn zuerst baute man eine recht kleine Burg, deren Wohngebäude dann repräsentativ zum Schloss erweitert wurden, bis schließlich gewaltige Bastionen drumherum ergänzt wurden, um mit einer solchen Festung den moderneren Waffen trotzen zu können.

900 Jahre notfalls im Wochenrhythmus

Dieser Wandel, der mit vielleicht sogar keltischen Vorläufern Jahrtausende dauerte, wird im heutigen Veranstaltungswesen aber immer wieder in wenigen Tagen vollzogen. Eben noch Demokratiehäftlinge in der Festung um 1800, die Woche drauf Ritterturnier mit Schwerpunkt 12. Jahrhundert und in 14 Tagen dann Rockkonzert mit Bands von heute und Stars von morgen. Jede Epoche dieser auf rund 900 Jahre verteilten Schwerpunkt-Zeit des Königsteiner Wahrzeichens hat ihre Berechtigung, am Burgfest kommen sie sogar oft gleichzeitig zum Zuge, andere Termine wollen säuberlich voneinander getrennt werden.

Nun haben gerade die „Ritter von Königstein e.V.“ dort oben das Mittelalter aufleben lassen, zum 20. Mal schon setzten sie zum Turnier alles daran, soviel wie möglich von der Moderne verschwinden zu lassen. Das fängt – neben einer langen Planungsphase – erst einmal mit Müllsammeln an, Schokopapiere auf dem Stechgarten stören die Optik doch gewaltig. „Wir verlassen die Burg immer sauberer, als wir sie vorgefunden haben“, da sind sich die Zeitreiseexperten sicher.

Moderne Technik gut versteckt

Der nächste Punkt ist dann, die Erfordernisse unserer modernen Gesellschaft vom Sicherheitskonzept über die Lebensmittelgesetze bis zur behindertengerechten Toilette erst zu erfüllen und sie dann so zu kaschieren, dass davon möglichst nichts zu sehen ist.

Vor diesem Hintergrund wundert es kaum noch, dass die Ritter mit einem Kern von etwa 20 hochaktiven Mitgliedern (von rund 70) etwa zwei Wochen für den Aufbau und eine für den Abbau ihrer Zeitmaschine benötigen und es wird auch einsichtig, warum die Burg einige Tage für den normalen Publikumsverkehr gesperrt werden muss.

Irgendwann ist dann aber doch der letzte Massivholz-Tisch aus dem Lager geholt, die Zapfanlage angeschlossen sowie mit korrektem Trinkgefäßen umgeben und über den voll eingerichteten Zelten wehen alle nötigen Fahnen – die der Hausherren und die ihrer Gäste. Alles ist bereit zum Turnier: Lasset die Spiele beginnen!

Einige Extras zum 20. Turnier

Mit der organisatorischen Routine von nunmehr 20 Jahren hatten es sich die Ritter von Königstein natürlich nicht nehmen lassen, zu diesem runden Datum „einen drauf zu legen“ und erstmals im Kurpark, zu Füßen der Burg, einige Mittelaltergruppen zum Lagerleben eingeladen.

Kronberger Ritter, die „freie fränkische Pilgerschaft“, die Kräuterhexe und ein Falkner erklärten zwei Tage lang geduldig allen Besuchern, was es bei ihnen zu sehen gab und auch die weiteren Zusammenhänge zum Leben in alten Zeiten. Das „Pilotprojekt“ kam nicht nur beim Publikum, sondern auch bei Darstellern und auch Stadtverwaltung, die zunächst Angst um die Unversehrtheit der Rasenflächen im Herzen der Kurstadt gehabt hatte, gleichermaßen gut an, so dass man auf eine Fortsetzung in den nächsten Jahren hoffen darf.

Für ein Fortbestehen des Turniers spricht auch die bis Redaktionsschluss nur geschätzte Besucherzahl, das schöne Wetter hatte aber reichlich Besuchermassen auf die Burg gelockt, obwohl sich das „Himmelfahrtswochenende“ – der angestammte Termin der Königsteiner – mittlerweile zu den Tagen mit den meisten Mittelalter-Märkten in der Region gemausert hat.

Neben dem seltenen Umstand, dass das Turnier auf und nicht vor einer Burg stattfindet, spielt auch die bewusste Ausrichtung als Familienfest eine Rolle in der Beliebtheit der Königsteiner Veranstaltung. Samstags gibt es ein spezielles Kinderturnier und sogar Bogenschießen ist für den Nachwuchs angesagt – eine absolut zeitlose Attraktion der höchsten Kategorie. Ein Teil der Erlöse fließt schließlich sogar als Spende dem Verein „Schattenkinder“ zu.

Natürlich haben die Ritter auch einiges zu bezahlen, das fängt mit den stelzenlaufenden Gauklern an und hört bei der neu eingerichteten Folterkammer im hellen Bogen, die mit ihrer gruseligen Ausstellung im Gegensatz zum Rittermuseum in der Palastküche ein wenig an eine Geisterbahn erinnert, nicht auf. Ebenfalls nicht billig sind die „Württemberger Ritter“, die schließlich mit Sack, Pack und etlichen Pferden anreisen. Wenn sich zum Ende des Turniers aber die Württemberger mit den Königsteinern prügelten, dann ging es nicht etwa um den Preis – denn der ist durch anerkannte Qualität absolut gerechtfertigt – sondern um einen besonderen Beweis der Freundschaft. Mit den Darstellern des finsteren Mittelalters darf sich nämlich nur anlegen, wer sich selbst auf das Absprechen und Einhalten von Choreographie und Regeln versteht, damit kein echtes Blut fließt.

Die Chemie zwischen den Kampfgefährten stimmt nach langen Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit so gut, dass die Württemberger den Königsteinern zum 20. Turnier diesmal sogar eine eigene „Feuershow“ geschenkt haben, ein eindrucksvolles Flammenschauspiel im Anschluss an das Nachtturnier – vielleicht ein bisschen modern anmutend, aber alles mit Materialien, die schon vor 900 Jahren zur Verfügung gestanden hätten.

Den Beschenkten und dem Publikum hat es jedenfalls hervorragend gefallen und auch die Dattelschlepper, Fladenbrotbäcker, Bettler, Metmischer und Ochsenbräter aus den Marktständen legten eine Verkaufspause ein, um dem Schauspiel beizuwohnen. Lediglich einige Kinder begeisterten sich für die frisch erworbene eigene Holzausrüstung mehr und fielen ihren Eltern damit in den Rücken...

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