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Aktuelles von der Frankfurter Buchmesse

Marie-Charlotte Siepenkort bringt die Frankfurter Buchmesse nach Königstein.

Foto: Krüger

Königstein (sk) – „Francfort en francais“ (Frankfurt auf Französisch) lautet der Slogan des Kulturprogramms der Frankfurter Buchmesse, die in diesem Jahr Frankreich als Ehrengast begrüßt. Mehr als 130 Autoren und Autorinnen bringt das Gastland nach Frankfurt, darunter große Namen und preisgekrönte Schriftsteller wie Michel Houellebecq, Yasmina Khadra, Yasmina Reza und Amélie Nothomb. Im Vordergrund stehe die französische Sprache, die nach Englisch die meist übersetzte Sprache der Welt sei, wusste Marie-Charlotte Siepenkort vom Förderverein der Stadtbibliothek Königstein, LeseLust e.V., einem Artikel in der Écoute zufolge zu berichten. Am vergangenen Montagabend stellte sie in der Stadtbibliothek einem interessierten Publikum vier empfehlenswerte, preisgekrönte francophone Bücher und ihre Autoren vor.

Im November 2015 erhielt der französische Schriftsteller Mathias Énard für seinen Roman „Boussole“ den Prix Goncourt, der als wichtigster Literaturpreis in Frankreich gilt, obgleich er nur mit einem symbolischen Preisgeld von zehn Euro dotiert ist, aber großen Einfluss auf die Verkaufszahlen des ausgezeichneten Werks hat. Unter dem deutschen Titel „Kompass“ erschien das als Weltliteratur gefeierte Buch im August 2016 beim Hanser Verlag und wurde im Frühjahr 2017 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet, einer der wichtigsten Literaturpreise in Deutschland. Im Gegensatz zu dem kurzen und knappen Titel überrascht der Autor mit einer unglaublichen Wortgewalt und Vokabularfülle, die laut Marie-Charlotte Siepenkort „das Buch zu einem Traumwerk macht, vorausgesetzt, man hat die Muße und Ruhe, es zu genießen, da es unzählige literarische Querverweise und geschichtliche Bezüge hat“. In der Form eines inneren Monologs während einer schlaflosen und drogenbeeinflussten Nacht verfasst, handelt der Roman vordergründig von einer berührenden Liebesgeschichte zwischen einer berühmten Orientalistin und einem Wiener Musikwissenschaftler, der gleichzeitig Orientforscher ist. Mit verführerischer Sprachkraft und einem nahezu enzyklopädischen Wissen erforscht Énard als Kenner des Mittleren Ostens das Bild des Orients in der westlichen Welt und erzählt dabei teils in autobiografischen Zügen von der Verbindung zwischen Orient und Okzident, die beide Kulturen seit Jahrhunderten in Literatur, Musik und Wissenschaft gegenseitig befruchtete. Marie-Charlotte Siepenkort zitierte aus der FAZ zusammenfassend: „Mathias Énard ist ein literarisches Meisterwerk gelungen in Form eines Geschichtspanoramas gegen die grassierende Horizontverengung.“

Die französische Schriftstellerin Leila Slimani hat marokkanische Wurzeln. Ihr zweiter Roman „Chanson douce“ wurde in Frankreich zum Bestseller, noch bevor er mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Der deutsche Titel lautet „Dann schlaf auch du“ und suggeriert durch den gewählten Imperativ eine Gewalttat, mit der Leila Slimani ihren Roman eröffnet. Darin radikalisiert sich eine Kinderfrau und ermordet die ihr anvertrauten Kinder. Geschildert wird ein Gemetzel, angesiedelt in einem bürgerlichen Wohlfühlkokon der gehobenen Mittelschicht, verursacht von einer Französin mittleren Alters, die hinter ihrer Fassade aus Schweigen das trostlose Vorortdasein eines Menschen am Rande der Gesellschaft lebt und langsam aber sicher in das Prekariat abzustürzen droht. Das Erschreckende an dem Roman ist, dass der Leser das Unfassbare zu begreifen versucht. Woher kommt diese Gewaltexplosion in einer an sich intakten Welt? Was führte dazu, dass die Kinderfrau letzten Endes durchgedreht ist? Wie hätte der brutale Mord verhindert werden können? Fragen, die mit brutaler Wucht demonstrieren, dass nichts mehr sicher ist.

Die 58-jährige französische Theater- und Drehbauchautorin Yasmina Reza ist vielen bekannt durch ihre Theaterstücke, vornehmlich durch die Verfilmung von „Der Gott des Gemetzels“. Spezialisiert auf die Darstellung von Beziehungen, die in die Brüche gehen, handelt ihr vierter Roman „Babylon“ abermals von einem Paar-Desaster, das in der Ermordung der Ehefrau durch ihren Ehemann endet. Anlass ist der Streit um die artgerechte Haltung eines Biohuhns. Szenisch dargestellt, gelingen der Autorin bisweilen skurrile und bissige Dialoge, die den Leser in den Abgrund einer über Jahrzehnte hinschleppenden Gewohnheit reißen und unter die Fassade der Wohlanständigkeit blicken lassen.

Das nur 110 Seiten umfassende Familiendrama der belgischen Vielschreiberin Amélie Nothomb „Töte mich“ (Le crime du Comte Neville) um den Grafen Henri Neville ist teilweise autobiografisch und von wunderschöner Ironie und feinen Dialogen durchdrungen. Der Aristokrat ist bankrott und muss sein Schloss verkaufen. Seine jüngste Tochter „Sérieuse“ ist depressiv und will nicht mehr leben. Laut der Prophezeiung einer Wahrsagerin, soll der Graf auf seinem allseits beliebten jährlichen Gartenfest einen Gast töten. Nur fällt dem beliebten Grafen niemand ein, den er ermorden könnte. Die unglückliche Tochter „Sérieuse“ macht sich diese Weissagung zunutze und versucht, ihren Vater davon zu überzeugen, dass sie das perfekte Opfer sei. Ein naives Märchen voller böser Vorzeichen, dessen Ende Marie-Charlotte Siepenkort auf Drängen ihrer Zuhörer natürlich nicht offenbarte. Nur so viel sei verraten: Der Schluss ist unerwartet elegant.

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