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Auf den Spuren der Industriekultur im Wald von Glashütten

Der Sonnenreflex auf der Glasbank spiegelt nicht nur das herrliche Wetter wider, bei dem die Führung zur Industriekultur stattfand, sondern klassifiziert die Einrichtung des waldGLASweges mit Recht als Lichtblick. Vor der Führung hatte Ingrid Berg (hellblaue Jacke, links der Bildmitte) sogar eigens die Bänke noch geputzt – und einen „Schatz“ mit Glasfunden im Wald versteckt. Der Weg ist im Übrigen so ausführlich beschriftet, dass er jederzeit auch ohne fachkundige Begleitung einen lehrreichen Spaziergang im Wald ermöglicht. Fotos: Friedel

Glashütten (hhf) – Sie kamen zum Teil von weit her, Fachleute, wie man hörte, die wertvolle Güter produzierten. Gerne in Grenznähe, also weit weg von den schöneren Städten, holzten sie den Wald ab und verfeuerten ihn, erzeugten dabei derart giftige Dämpfe, dass sie selbst oft jung starben und warfen ihren Müll direkt neben die Haustür. Wurden nach rund 50 Jahren dann die Wege zum Brennholz zu weit, gaben die Glasbläser und Glasmacher dann ihren Standort auf und zogen weiter.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet mag die Frage, ob Industrie denn auch Kultur sei, nicht ganz so leicht zu beantworten sein – ein Dilemma, das viele vor allem auf modernere Fabriken übertragen. Auch wenn Archäologen sich in der Regel über historische Müllberge freuen, nimmt die allgemeine Akzeptanz vor allem dann ab, wenn mehr oder weniger gesundheitsschädlicher Industrieabfall noch gar nicht so lange in der Erde liegt. Es war daher ursprünglich nicht einfach, alte Werksruinen in Frankfurt und Umland als Denkmäler einzuordnen und sie zu einer „Route der Industriekultur“ zu verbinden. Um diese schließlich bekannt zu machen, entstanden die „Tage der Industriekultur“. Nun – ob es einem gefällt oder nicht – Denkmale sind nicht immer nur schön, sondern mitunter auch Mahnmale und in diesem Sinne vielleicht wichtig für die Besinnung der Menschen auf ihren Umgang mit der Natur.

„Kleine Dinge – große Wirkung“, so das diesjährige Motto der Veranstaltung, die überregional angekündigt worden war und knapp 40 Mitwanderer aller Altersstufen am vergangenen Samstag nach Glashütten zog.

Fachlich Interessierte aus der Region, Neubürger aber auch Politiker aus Glashütten scharten sich dort bei bestem Wetter um Ingrid Berg, die eine Führung zur Waldglashütte am Emsbach vorbereitet hatte. Die kleinen Dinge, die dort produziert wurden, hatten nämlich durchaus große Wirkung, auf den heutigen Ort ebenso wie auf manchen Landesherrn, der nicht nur edles Glas benutzen konnte, sondern auch kräftige Konzessionsgebühren einnahm.

Im frühen Sonnenlicht eines herrlichen Sommertages, noch bevor es zu heiß werden konnte, funkelten vor allem die sieben Stationen des waldGLASweges, einige der Bänke hatte Ingrid Berg vorher extra noch geputzt. Gerade das ist ein vielsagender Umstand, denn die Mitglieder des Kulturkreises sind sich nie zu schade gewesen, schmutzige Finger zu bekommen, weder bei Ausgrabungen, noch bei der anschließenden Pflege der Funde und Befunde.

Obwohl Trägerin des Saalburgpreises, wich Ingrid Berg diesmal direkt am Limesportal vom römischen Limeserlebnispfad ab, um sich dem Glas zu widmen, allerdings verläuft auch der waldGLASweg teilweise an der alten Grenze zum römischen Reich entlang. Bis heute hat die alte Linie Grenzfunktion, zum Beispiel bei Gemarkungen, Grenzsteine mit dem Mainzer Rad oder dem Nassauer Löwen belegen die Kontinuität der Trennfunktion. Bis nach dem Zuzug der vielen Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg war die Bevölkerung nördlich davon überwiegend protestantisch, während Glashütten und Schloßborn schon stark katholisch geprägt waren – Manche behaupten wohl deshalb noch heute, dass die Bewohner im Ortsteil Oberems etwas anders seien...

Zwei Anmerkungen zu den Römern, die eigentlich um 260 nach Christus das Limesgebiet verlassen hatten, gab es aber doch noch: Erstens hat man bei Ausgrabungen in der hiesigen Gegend eine Münze gefunden, die dafür spricht, dass Römer oder Besitzer römischen Geldes auch später hier noch gewesen sind. Und zweitens, dass die Reichs-Limes-Kommission im Zuge der erstmaligen Ergrabung und Dokumentation des langgestreckten Denkmals hier gewaltig ins Schleudern geriet, als Reste einer Glasproduktion auftauchten. Relativ schnell wurde dann aber klar, dass diese Glasreste nicht römisch sein können, und so geriet der moderne Krempel wieder in Vergessenheit.

Erst als sich Mitglieder des Kulturkreises Gedanken um die Entstehung ihres Wohnortes machten, der erst sehr spät, 1675, als Ort „Glashütt“ auf einer „Blöße im Wald“ auftaucht, ein winziges Straßendörflein, dessen Bewohner Äcker und Wiesen roden dürfen, kommen die alten Öfen im Wald wieder ins Gespräch. Tatsächlich führte ein kundiger Grundschullehrer seine Kinder regelmäßig an einen davon, der aus dem Waldboden herausragte. Er lag „An der Emsbachschlucht“ und gehört zu dem heute konservierten mittelalterlichen Glashüttenplatz aus dem 15. Jahrhundert – die Glasproduktion dort fand also 300 Jahre vor Entstehung des Ortes Glashütten statt, wie die Archäologen um Dr. Peter Steppuhn herausfanden.

Allerdings stellte man dort nicht nur grünes „Waldglas“ her, sondern auch höherwertige Sorten – klar, blau oder rot – und zu einem hohen Anteil Flachglas für Fenster. Dazu formten die Glasbläser zunächst eine „Wurst“, deren Enden abgeschnitten wurden. Die Röhre schlitzte man schließlich auf und erhielt so ein flaches Endprodukt.

Die Glasträger wussten schon früh die Nähe zur heutigen B8 zu schätzen.

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